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Steiniger Weg

Zahlreiche natürliche Prozesse steuern das Weltklima. Spätestens seit der industriellen Revolution mischt auch der Mensch mit, indem er klimarelevante Parameter wesentlich verändert. Eine der wichtigsten Einflussgrößen ist dabei der CO2-Gehalt der Luft. Das massenhafte Verbrennen fossiler Energieträger erhöht ihn in erdgeschichtlich beispiellosem Tempo, was zu einem galoppierenden Teibhauseffekt führt. Dadurch steigt die globale Durchschnittstemperatur vergleichsweise rasend schnell – mit kaum berechenbaren Folgen.

Die UN-Klimarahmenkonvention zielt seit ihrem Inkrafttreten im Jahr 1994 darauf, den anthropogenen Klimawandel zu verlangsamen und seine Folgen zu mildern. Auf den seither jährlich stattfindenden UN-Klimakonferenzen wurde über entsprechende Maßnahmen beraten – lange ohne nennenswerten Erfolg. Während der zurückliegenden Konferenz Ende 2015 in Paris jedoch vereinbarten alle 195 Mitgliedsstaaten, die global gemittelte Temperaturzunahme auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen, und darüber hinaus das noch ehrgeizigere Ziel von weniger als 1,5 Grad anzugehen.

Doch wie realistisch ist das? Woher kommt gerade diese Marke? Was müssen wir tun, um sie einzuhalten? Und reicht sie überhaupt? In dem vorliegenden Buch geben 42 namhafte Wissenschaftler, Politiker und Journalisten darauf Antworten.

Alle fünf Jahre nachlegen

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Der erste widmet sich der Geschichte der Pariser Übereinkunft, legt ihre wesentlichen Ergebnisse dar und erläutert diese. Wichtig ist vor allem, dass es das erste Klimaschutzabkommen ist, das alle Länder in die Pflicht nimmt und völkerrechtlich bindend ist. Die Vereinbarung legt unter anderem fest, die Menschheit müsse in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treibhausgasneutral wirtschaften. Dazu muss ein Gleichgewicht erreicht werden insbesondere zwischen CO2-Ausstoß und -bindung in Senken (etwa Wäldern, aber auch durch unterirdische Verpressung). Die Staaten müssen alle fünf Jahre neue Klimaschutzpläne vorlegen, die nicht abgeschwächt werden dürfen, sondern immer ambitionierter sein müssen. Darüber hinaus sollen Entwicklungsländer beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel unterstützt werden. Hierfür sollen die Industrieländer zwischen 2020 und 2025 jährlich 100 Milliarden Dollar bereitstellen.

Die weitere Lektüre vermittelt einige historische Hintergründe. Für viele wohl überraschend: Der französische Mathematiker Joseph Fourier (1768–1830) beschrieb den Treibhauseffekt erstmals bereits 1824. Auch die Physiker John Tyndall (1820–1893) und Svante Arrhenius (1859–1927) warnten vor einer möglichen Verstärkung des Klimawandels durch den Menschen. Die Klimarahmenkonvention, verabschiedet 1992, zielte darauf, dem entgegenzutreten. Jahrzehntelanges, beharrliches Bemühen in dieser Richtung führte schließlich zum Abkommen von 2015.

Versenkung gefordert

Im zweiten Teil des Buchs betrachten die Autoren das Pariser Abkommen aus wissenschaftlicher Sicht. Ihr Fazit: Es sei ein wichtiger Anfang, reiche aber keinesfalls hin, um die gesetzten Ziele auch zu erreichen – vor allem, weil es Verbindlichkeit vermissen lasse. Außerdem sei das Zwei-Grad-Ziel kein wissenschaftlich solide unterfütterter Schwellenwert, sondern eine rigoros vereinfachte Zielorientierung. Auf Paris aufbauend, müsse ein besonnener Umgang mit Energie durchgesetzt und die Energieeffizienz deutlich verbessert werden. Um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, führe kein Weg an einer klimaneutralen Weltwirtschaft vorbei. Und selbst das reicht einigen Autoren zufolge nicht aus: Es müssten darüber hinaus riesige Kohlenstoffsenken geschaffen werden, etwa durch massive Aufforstung oder industrielle Verwertung von CO2 (Negativemissionen). Eine Vorreiterrolle beim Umstellen auf erneuerbare Energien könne Deutschland zukommen; Erfolg oder Misserfolg der hiesigen "Energiewende" werde andere Akteure auf der Weltklimabühne stark beeinflussen.

Der dritte und vierte Buchteil widmet sich den Rollen von Staat, Politik und Zivilgesellschaft. Auch hier ist Konsens, das Pariser Übereinkommen sei ein wichtiger Anfang und man müsse seine Dynamik jetzt nutzen, um eine globale Verhaltensveränderung in Gang zu setzen, hin zum nachhaltigen Umgang mit Roh- und Wertstoffen – und entgegen allen Widerständen aus der Wirtschaft. Die Zivilgesellschaft sei diesbezüglich viel weiter fortgeschritten, als die zähen Verhandlungen zwischen den Ländern suggerierten. Dies zeige sich an zahlreichen Start-up-Unternehmen, die aus echtem Interesse an Nachhaltigkeit heraus entsprechende Projekte realisierten.

Das umfassende und informative Werk beleuchtet sehr viele Aspekte des Klimawandels. Einige Beiträge sind ziemlich anspruchsvoll und fordern Recherchen seitens der Leser. Wenngleich die Autoren einen langen und schwierigen Weg zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels prognostizieren, ermutigen sie dazu, den ersten Schritt zu gehen.

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