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Gemüse mitten aus der Stadt

Wie lassen sich Städte nachhaltig mit frischen regionalen Lebensmitteln versorgen und gleichzeitig Orte der Begegnung schaffen? Zwei Frankfurterinnen erzählen davon.

Eine wachsende und zunehmend urbanisierte Bevölkerung nachhaltig ernähren – vor dieser Herausforderung steht die Landwirtschaft von morgen. Einige setzen dazu auf hochtechnisierte Lösungen wie vertikale aeroponische Indoor-Farmen, andere auf die Synergien der Natur. Zu Letzteren zählt das Paar Juliane Ranck und Laura Setzer. Die beiden Frauen bilden den Ursprung der »GemüseheldInnen Frankfurt« und des Frankfurter Projekts »PermaKulturGarten 2025«. Ihre Erfahrungen haben Ranck und Setzer jetzt in »Urban Farming« zusammengetragen, einem Werk, das Erlebnisbericht und Handbuch zugleich ist.

Urbane Landwirtschaft

»Gemüse anbauen, gemeinschaftlich gärtnern, Ernährungssouveränität sichern«, so lautet der Untertitel des fast 300 Seiten starken Buchs, der die Intention der Autorinnen gut zusammenfasst. Vorbild ist das 1000 Seiten starke französische Werk »Vivre avec la Terre«. Auch andere Vorbilder und Ideen für eine nachhaltige, oftmals urbane Landwirtschaft finden im Buch ausführlich Betrachtung, darunter die Protagonisten des Dokumentarfilms »Tomorrow« – der übrigens sehenswert und inspirierend ist.

Ihre Motivation, Gemüseheldinnen zu werden, beschreiben die beiden Frankfurterinnen im Vorwort mit »dem Klimawandel aktiv entgegenzuwirken, gemeinschaftlich etwas zu bewegen, sich gesund zu ernähren, naturnah zu gärtnern – und all das mitten in der Stadt«. Zwei Leitmotive ziehen sich durch dieses Vorhaben und damit auch durchs Buch: das Prinzip der Permakultur und die Idee der sozialen Interaktion inmitten einer sonst so anonymen Großstadt. Obwohl das Buch klar strukturiert ist, wirkt der rote Faden der Erzählung manchmal reichlich verworren – wahrscheinlich weil auch der Weg, den die beiden Frauen gegangen sind, durch Erfahrung und Irrtum nicht gradlinig war und weil die Facetten des Themas so bunt sind wie die Gestaltung des Buchs. Das ist dadurch hübsch anzusehen, aber infolge der Farben nicht immer gut lesbar. Dafür legt der Verlag wert auf die Feststellung, Papier und Druck seien so beschaffen, dass man es sogar bedenkenlos kompostieren könne.

Das Buch zu beschreiben ist nicht einfach. Einerseits erfährt man, was sich hinter dem Begriff Permakultur verbirgt, nämlich wie die konsequente Berücksichtigung von Ökosystemen, Kreisläufen und natürlichen Prozessen durch Synergien zu größeren Flächenerträgen führen kann als die industrialisierte Landwirtschaft. Man erhält praktische Tipps, solche Gärten anzulegen, bin hin zu Bauanweisungen für Hochbeete. Andererseits lehrt das Buch nicht nur, wie man in der eigenen Stadt einen privaten kleinen Permakulturgarten anlegen kann, sondern auch, größer zu denken und einen Verein wie die GemüseheldInnen auf die Beine zu stellen, die als ökologisch-soziales Projekt in die gesamte Stadt hinein wirken.

Anfangs waren die GemüseheldInnen nicht mehr als ein paar Gleichgesinnte, die in Frankfurt gemeinsam ein kleines Stück Land mit Gemüse bebaut haben. Dann wurden es mehr Grundstücke und mehr Beteiligte, zum Gemüse kamen Obst, Kräuter und Nüsse – und schließlich die Vision »PermaKulturGarten Frankfurt 2025« für die »Grüne Lunge« der Stadt: »Es wird ein Ort der Begegnung im Stadtteil geschaffen, an dem sich Schulen, Institutionen, Initiativgruppen und Bürger*innen engagieren können. Im Mittelpunkt steht die Produktion von frischem Obst und Gemüse: Permakulturgärtner*innen bauen hier gemeinsam an – für sich selbst, ihre Nachbarschaft, das ›Café im Garten‹ und lokale Geschäfte im Stadtviertel.«

Die Informationen sind mal zusammengetragene Fakten, mal eigene Erfahrungen (inklusive der Rückschläge), mal Interviews mit Fachleuten oder Porträts der unterschiedlichen Mitwirkenden. Das macht die Lektüre abwechslungsreich, verstreut aber irgendwie die Informationen auch zwischen den 300 Seiten. Trotz eines guten Inhaltsverzeichnisses und eines kleinen Glossars kommt man nicht drumherum, das Buch von vorne bis hinten zu lesen, wenn man sich beispielsweise nur für die Permakultur und nicht die darum entwickelten Gemeinschaftsprojekte interessiert. Aber wer das möchte, ist eventuell mit einem anderen Buch besser beraten. »Urban Farming« richtet sich an Menschen mit Visionen, die vielleicht einen Anstoß oder einfach eine Anleitung benötigen. Das Buch ist ein bisschen wie ein Papier gewordener (einseitiger) Erfahrungsaustausch – oder mit den Worten Setzers: »Dieses Buch zeigt die Entstehungsgeschichte einer Vision, die in unseren Köpfen geboren und schließlich Wirklichkeit wurde.«

Das Werk hat zwei große Verdienste: Es ermutigt und befähigt jene, die sich vom städtischen Gemeinschaftsgärtnern angesprochen fühlen, sich einer Initiative anzuschließen oder selbst eine solche zu initiieren – bis hin zur Selbstständigkeit mit einer kleinen Permakulturinsel in der Stadt. Und es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Klimaschutz eben nicht aus Verzicht und Verboten besteht, sondern ganz häufig einen Gewinn an Lebensqualität bedeutet. Das machen die beiden Autorinnen mit ihrem durchweg spürbaren Esprit sehr deutlich.

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