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Aufstieg einer sagenhaften Metropole

Ein Archäologe und Althistoriker schildert, wie Rom von einer Hüttenansammlung zu einer »Stadt aus Marmor« avancierte.

Rom wurde bekanntermaßen nicht an einem Tag erbaut. Aber wie lange es dauerte, bis aus einer Hüttenansammlung die Metropole eines Weltreichs wurde und wie sich die Stadt und ihre Menschen dabei immer wieder veränderten und doch ihre Wurzeln nie aus den Augen verloren, erzählt der französische Archäologe und Althistoriker Alexandre Grandazzi in diesem herausragenden Werk. An Veröffentlichungen zum Römischen Reich mangelt es sicher nicht, doch selten ist so detailliert, vielseitig, anschaulich und dennoch kompakt die Entwicklung des Imperiumkerns nachgezeichnet worden.

Grandazzi gelingt es, die antike Metropole als lebendigen und wachsenden Organismus zu porträtieren. Bewohner, Gebäude, Stadtteile, Institutionen verschmolzen in den steinernen und sakralen Grenzen der Stadt zu einem pulsierenden Wesen, wie aus seinem Buch hervorgeht. Der Autor, der an der Pariser Sorbonne lehrt, konzentriert sich auf die Epochen von der Gründung Roms bis zur Kaiserzeit, genauer gesagt bis zum Tod Augustus' – auf die Zeit also, in der das Fundament des Weltreichs gelegt wurde.

Viehzüchter auf Hügeln

Eine große Rolle in Roms Entwicklung spielten die geografischen und geologischen Gegebenheiten, die schon die ersten Siedler dazu motivierten, sich in dem Gebiet niederzulassen. Grandazzi räumt die berühmten Hügel zu Beginn seines Werkes noch einmal fiktiv frei und beschreibt sehr anschaulich, welche Landschaftsmerkmale schon die ersten Bewohner rund um das 12. Jahrhundert v. Chr. dazu brachten, hierzubleiben – und zwar zunächst in einzelnen Hütten, verteilt auf Palatin und Kapitol. Sie waren vornehmlich Viehzüchter, profitierten aber auch von der Nähe zu zwei Gewässern. Denn das Gebiet, auf dem schließlich Rom entstand, lag an einer strategisch günstigen Stelle: Hier, auf halber Strecke zwischen dem Meer im Westen und den Albaner Bergen im Osten – »dem damals florierenden Zentrum der Region« –, ließ sich der Tiber durch eine Furt queren. Wichtige Verbindungswege in alle Himmelsrichtungen kreuzten sich deshalb an dieser Stelle, Menschen begegneten sich und trieben Handel, vor allem mit dem Salz, das sie im Hinterland der nahe gelegenen Mittelmeerküste gewonnen hatten.

Welche herausragende Bedeutung gerade die Anfangsjahre für die weitere Entwicklung der Stadt – und ihr Anspruchsdenken – haben, verdeutlicht die Herkunft der Bezeichnung »Urbs«. Grandazzi greift in seiner ausführlichen »Archäologie eines Wortes« die Theorie auf, dass zwei Wörter von hethitischen und luwischen Tontafeln die indoeuropäische Quelle des Begriffs darstellen: Aus »Warpa dai« gehe die lateinische Formel »urbem condere« – »eine Stadt gründen« – hervor. Die hethitische Formulierung bedeutet so viel wie »einen Umkreis abstecken«, was »neben profanen Verwendungen zunächst einen rituellen, sakralen Akt beschreibt«. Eine solche religiöse Handlung habe ebenfalls den Weg nach Italien gefunden und den Beginn der Geschichte Roms markiert: Im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen die Bewohner des Palatins sich als Einheit zu begreifen und gründeten eine gemeinsame Siedlung, indem sie diese symbolisch mit einer Ackerfurche umgrenzten. »Ein bereits mehrere Jahrhunderte währender, allmählicher Prozess hatte den Boden für die nun endlich möglich gewordene Gründung eines geschlossenen Raums bereitet, dem der Ritus der allerersten Furche (…) den Namen Urbs verleihen sollte.« Seit diesem Zeitpunkt sei das Gemeinwesen bestrebt gewesen, »sich als die Stadt zu manifestieren«. Offensichtlich ist ihr das auch gelungen, denn obwohl der Begriff »Urbs« etymologisch nicht allein Rom vorbehalten sein musste, so bezieht sich die Bezeichnung doch fast ausnahmslos auf die Metropole am Tiber.

Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob eine solche Gründungszeremonie je stattgefunden hat oder ins Reich der Mythen gehört, wo Romulus als Stadtgründer das Gespann für die Furche selbst führte. Grandazzi sieht nicht zuletzt in der kontinuierlichen Jahreszählung »ab Urbe condita« – »seit Gründung der Stadt« –, wie es auf offiziellen Dokumenten noch in der Republik und Kaiserzeit heißt, einen Beweis für einen rituell gekennzeichneten Anfangspunkt.

Im Folgenden betrachtet er Roms historisches Fortschreiten ganzheitlich als eine Kombination städtebaulicher, politischer und gesellschaftlicher Prozesse, hebt aber dabei immer wieder hervor, wie einzelne Etappen sich dabei häufig in rituellen Handlungen und Festen manifestierten. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Bereiche schuf eine einmalige kollektive Identität. Militärische Erfolge und Niederlagen gestalteten das Stadtbild neu, brachten beispielsweise neue Heiligtümer hervor. Bevölkerungswachstum und Entwicklungen in der gesellschaftlichen Ordnung machten immer wieder neue Verwaltungsstrukturen erforderlich, wie etwa die als Tribus bezeichneten Wahlbezirke. Politische Wechsel, zum Beispiel zwischen Königszeit und Republik, brachten ebenfalls Neuerungen mit sich – manchmal auch nur kurzfristige. So ließ Julius Caesar nach seinem Sieg über Pompeius auf dem Marsfeld ein Bassin ausheben, um hier eine Seeschlacht nachzustellen.

Wie in einer steinernen Chronik liest Grandazzi im Stadtbild des antiken Roms, greift dabei auf Schriftquellen zurück und geht als exzellenter Kenner der Materie auf aktuelle Forschungs- und Grabungsergebnisse ein. Mit fortschreitender Entwicklung des Reichs schaut der Autor zwangsläufig auch über die Stadtmauern hinaus, verliert aber nicht den Fokus auf die Geschichte der Metropole. »Urbs, das meint hier den Staat, die gesamte politische und menschliche Gemeinschaft unter der Macht, die von jenem Ort ausstrahlt, an dem alles seinen Anfang nahm und zu dem alles wieder zurückkehrte: die Stadt Rom, deren Name zur Bezeichnung eines Reiches und einer Zivilisation geworden war«, schreibt er. Dabei nimmt er Bezug auf die Worte, die Augustus kurz vor seinem Tod geäußert hatte und wonach dieser die Stadt, die er aus Ziegeln vorfand, nun aus Marmor zurücklasse.

Stellenweise neigt Grandazzi zum Pathos und zum Appell, doch ist das ein Ausdruck der großen Leidenschaft des Wissenschaftlers für sein Thema. Die lebendige Schreibweise und die hohe sprachliche Qualität haben sicherlich dazu beigetragen, dass »Urbs« in Frankreich mit dem angesehenen Prix Chateaubriand ausgezeichnet wurde. Der Autor gibt seinen Lesern 13 Karten an die Hand, mit deren Hilfe sich die verschiedenen Entwicklungsphasen nachvollziehen lassen. Weiteres Bildmaterial wäre zwar wünschenswert gewesen, hätte den Rahmen des Buches aber wohl gesprengt. Zur Vertiefung ist neben dem Register im Anhang auch eine umfangreiche Literaturliste zu finden.

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