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Verwehte Spuren

Von Punt über Dilmun bis zu den Pelasgern stellt ein Sprachwissenschaftler Kulturen vor, von denen wir heute kaum noch wissen.

Ägypter, Griechen, Römer – sie alle haben ihren Platz in der Geschichte. Wie sieht es aber mit Kulturen aus, deren Spuren zum größten Teil verloren gegangen sind, an die allenfalls noch versprengte archäologische Überreste erinnern oder über deren Existenz wir en passant aus Berichten anderer Kulturen wissen? »Randkulturen« wie das sagenhafte Goldland Punt, das wir aus einem Expeditionsbericht der ägyptischen Pharaonin Hatschepsut (1479-1458 v. Chr.) kennen, oder das paradiesische Dilmun am Persischen Golf (Bahrein), in dem Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. wertvolle Handelsgüter umgeschlagen wurden und über das sumerische Keilschrifttexte berichten?

Ausgehend von der Intention, »Spuren vergessener oder an den Rand gedrängter Kulturen ans Licht [zu] bringen«, begibt sich der in Finnland lebende Sprachwissenschaftler Harald Haarmann auf »25 verlorene Pfade der Menschheit«. In chronologisch sortierten Kapiteln geht er der Frage nach, warum manche Kulturen vergessen wurden, welche Elemente von ihnen vielleicht noch weiter existieren und in welcher Form.

Auf der Spur des Amazonen-Mythos

Haarmann nimmt seine Leser mit zu steinzeitlichen Siedlungen am Baikalsee; er geht dem Rätsel der Pelasger nach, der vorindoeuropäischen Bevölkerung Griechenlands; und er zeigt auf, dass die ersten Tempelbauten der Menschheit nicht etwa von sesshaften Ackerbauern im Zweistromland oder im Niltal errichtet wurden, sondern Jahrtausende früher von Jägern und Sammlern im ostanatolischen Göbekli Tepe.

Bei seinem Versuch, mehr über die »Randkulturen« ans Licht zu bringen, findet Haarmann einen historischen Kern in den Geschichten über die Amazonen-Kriegerinnen vom Schwarzen Meer, und er weist nach, dass die blutrünstigen Stierkämpfe der Moderne auf die friedlichen rituellen Stierspiele des minoischen Kreta zurückgehen. Zudem beschreibt er mit der Donauzivilisation vor rund 6000 Jahren die erste europäische Hochkultur, in der schon früh das Modell einer egalitären Gesellschaft auf hohem zivilisatorischem Niveau praktiziert wurde.

Dass solche »Außenseitergemeinschaften« überhaupt aus dem Dunkel der Geschichte heraustreten können, verdankt die Wissenschaft immer ausgeklügelteren technischen Verfahren. Als Beispiel hierfür verweist Haarmann auf die »Schöninger Speere«: Waffenfunde im östlichen Niedersachsen, die sich mittels Thermolumineszenz-Analyse dem Homo heidelbergensis zuordnen lassen. Dieser war eine Homininen-Spezies, die zwischen 800 000 und 300 000 v. Chr. in Europa lebte.

Haarmanns Buch fordert dazu auf, globaler zu denken. Die vormoderne Welt, so der Autor, sei weitaus vernetzter gewesen als bislang angenommen. Darauf deuten etwa mögliche Spuren einer eiszeitlichen Migration nach Amerika hin, denen der Autor ebenso nachgeht wie der Frage, warum 4000 Jahre alte Mumien in der zentralasiatischen Taklamakan-Wüste europide Genmerkmale aufweisen. Und dass Nachkommen der vorkolumbianischen Chachapoya-Kultur von den Peruanern »gringuitos« (»kleine weiße Ausländer«) genannt werden (Analysen von deren Genom deuten eindeutig auf eine europäische Herkunft hin), ist Haarmann zufolge ein Indiz dafür, dass der Kulturkontakt zwischen Amerika und Europa schon vor Kolumbus stattgefunden hat.

Oftmals, so eine weitere Feststellung des Autors, trübt unsere allzu eurozentrische Sichtweise den Blick dafür, dass indigene Kulturen in Amerika und Afrika schon lange vor der Ankunft der Europäer einen hohen Zivilisationsgrad erreicht hatten. Haarmann verweist auf Satellitenaufnahmen, die belegen, dass das Amazonasbecken vor der Conquista keineswegs ein naturbelassener Urwald war, sondern opulente präkolumbianische Großsiedlungen beherbergte. Eine Erkenntnis, die auch für das vorkoloniale Afrika gilt, wo verschiedene einheimische Hochkulturen weit gespannte Handelsnetze unterhielten, wie etwa die Zyklopenmauern von Simbabwe zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert zeigen.

Mit der Palmyrenerin Zenobia, der Königin von Saba und den Etruskern beleuchtet der Autor historische Akteure, die sehr wohl ihre Spuren hinterlassen und den Lauf der Geschichte verändert haben; die allerdings – gemessen an ihren Leistungen – wenig Aufmerksamkeit bekommen, weil nachfolgende Zivilisationen die Erinnerung an sie marginalisierten oder weil ihre Errungenschaften anderen Kulturen zugeschrieben wurden.

»Vergessene Kulturen der Weltgeschichte« ist ein Buch mit hohem Erkenntnisgewinn, das neugierig macht und uns lehrt, die Geschichte mit anderen Augen zu sehen.

14/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2019

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