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Versöhnung von Wirtschaft und Natur?

"Gemessen an dem, was auf dem Teller liegt, kann ein Arbeitsloser heute besser leben als der Adel im Mittelalter", schreibt Jan Grossarth treffend. Dieser Wohlstand hat allerdings seinen Preis und geht auf Kosten der Umwelt, des Lebens zahlloser Tiere und oft auch der menschlichen Gesundheit. Da bleiben ideologische, politische und ökonomische Diskussionen rund um die Ernährung nicht aus. Nie zuvor wurde so intensiv und aufgeregt darüber debattiert wie heute. Während der Bilderbuch-Bauernhof, so es ihn je gab, längst flächendeckend der Agrarindustrie gewichen ist, fordern Vegetarier, Tierschützer und Bio-Kunden mehr Lebensqualität für Nutztiere sowie mehr ökologisches Bewusstsein.

Grossarth, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), recherchiert seit Jahren über Themen der Landwirtschaft und ist viel in der Szene herumgekommen. Er besuchte Bauernhöfe, industrielle Mastbetriebe und Schlachthöfe, sprach mit Politikern, Selbstversorgern und Landwirten. In den 21 Reportagen, Porträts und Interviews dieses Buchs beleuchtet er sowohl herkömmliche als auch alternative Produktionsmethoden für Lebensmittel. Daran erläutert er die Probleme und Chancen der industriellen Landwirtschaft.

Eine Frage der Bilanzen

Beim Lesen erfährt man unter anderem vom Leben der Schweine in einem deutschen Mastbetrieb, die ein weitgehend abgeschottetes, kurzes Dasein fristen, beim Schlachten in tausend Teile zerlegt sowie anschließend in alle Welt verschifft werden. Grossarth erklärt, wieso Hühner gut für den Regenwald sind (weil sie lediglich eineinhalb Kilogramm Futter brauchen, um auszuwachsen), und warum sich mit ihnen die Hoffnung auf den unblutigen Genuss tierischer Produkte verbindet. Und er schildert die Nöte und Ängste der Landwirte, die wegen niedriger Milchpreise täglich um ihre Existenz kämpfen und zusehen müssen, wie immer mehr Höfe schließen und die bäuerliche Landwirtschaft langsam ausstirbt.

Trotz aller Probleme, die sich mit der Nahrungsindustrie verbinden, steht für Grossarth fest: Ohne industrielle Landwirtschaft geht es nicht. Denn ohne permanente Effizienzsteigerung sei es nicht möglich, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Landwirtschaft, schreibt er, solle aber neben effizienter Produktion auch Klimaschutz, Naturbewahrung und einen respektvollen Umgang mit Tieren zum Ziel haben. Daher plädiert er für einen Agrarsektor, der intensiv und ökologisch zugleich wirtschaftet, und plädiert für einen Kompromiss zwischen Nahrungsmittelproduktion in großem Stil und ökologischer Erzeugung, die natürliche Ressourcen schont.

Mit Know-how aus dem Dilemma

Dafür sind laut dem Autor neue Ideen und Techniken nötig, die die Industrie intelligenter machen. Technisierung und steigende Ressourceneffizienz könnten Ökonomie und Ökologie versöhnen. Wie das konkret gehen soll, verrät Grossarth leider nicht. Man gewinnt beim Lesen manchmal den Eindruck, er umschiffe das politische und ideologische Hickhack um die Zukunft der Landwirtschaft. Die Option, das individuelle Konsum- und Essverhalten zu ändern, scheint für ihn außerhalb der Möglichkeiten zu liegen.

Unterm Strich präsentiert sich das Buch durchwachsen. Nichtsdestoweniger ist es packend geschrieben und regt allemal dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, was man vor sich auf dem Teller hat.

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