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Buchkritik zu »Von Menschen und anderen Tieren«

Binnen weniger als eineinhalb Jahrhunderten hat sich die Evolutionstheorie zu einem "Moloch-Paradigma" ausgewachsen. Ihre erklärende Kraft reicht weit über ihr angestammtes Fachgebiet, die Biologie, hinaus. Der Grundgedanke vom allmählichen Gewordensein trägt Früchte auch in Fächern wie der Medizin, den Wirtschaftswissenschaften, der Jurisprudenz, der Philosophie und sogar der Theologie.In der Liste der Wissenschaften, die sich Erklärungen der Evolutionstheorie zu Eigen machen, hat der Autor in seiner Vorbemerkung die Psychologie und die Sozialwissenschaften ausgelassen – sicher nicht ohne Bedacht. Dabei beschäftigt sich doch Sommers Disziplin, die Soziobiologie, mit den evolutiven Ursachen des Soziallebens bei Mensch und Tier, und sie leitet daraus handfeste Ergebnisse her.Wie andere forsche Verhaltensforscher zuvor betrachtet Sommer das Verhalten des Menschen nicht gesondert von dem "anderer Tiere". Und er fasst so heiße Themen an wie die Evolution der Lüge, der Vergewaltigung. Gibt es eine biologische Grundlage für gleichgeschlechtliches Sexualverhalten? Und warum geben Menschen sich so bereitwillig kollektiven Illusionen hin, warum gibt es Religionen?Das Lesen der Sammlung von Aufsätzen ähnelt einer Surftour durchs Internet. Sommer springt bemerkenswert unverklemmt, überraschend und vergnüglich durch Zeiten, Kontinente, Kulturen und die Evolution. Unter der Überschrift "Im multikulturellen Supermarkt" vergleicht er kühn die Kultur, das Design und die Riten der global überall gleich zelebrierten katholischen Messe mit der Markenkultur von McDonalds. Hier wie da findet Homo sapiens die Geborgenheit des Vertrauten, der immer gleichen Symbole in Verbindung mit der gleichen Speise. Hier Kreuz, Brot und Wein, dort der goldene Bogen, Hamburger und Cola. Vermutlich, so Sommer, verbreiteten sich schon die Urrituale der Altsteinzeit ebenso erdumspannend.Was treibt Heranwachsende dazu, sich Horrorvideos anzusehen, sich zu tätowieren, zu piercen, S-Bahn zu surfen, im Kaufhaus zu klauen oder Bungee zu springen? Sommer führt verblüffende Parallelen zu Initiationsriten der verschiedensten Kulturen auf. Gemeinsam ist diesen Übergangsritualen, dass sie beängstigende Erfahrungen einschließen und dass körperliche Kennzeichnungen wie Narben, Tätowierungen, Haartracht und Kleidung den Status des Initianden nach außen hin signalisieren. Gibt es ein Grundbedürfnis nach diesen Riten, das in unserer säkularisierten Gesellschaft vernachlässigt wird?Es gab Zeiten, da hätte allein schon der Titel des Buches "Von Menschen und anderen Tieren" provoziert und lebhafte Diskussionen ausgelöst. Inzwischen hat sich die Mehrheit des Abendlands mit dem Gedanken abgefunden, wenn auch nicht unbedingt angefreundet, dass wir vor nicht allzu langer Zeit (nur etwa 350000 Generationen) gemeinsame Vorfahren mit den Schimpansen hatten.Für wen ist das Buch bestimmt? Für jene besondere Subspezies des "Homo ludens", den neugierigen und verspielten Menschen, dem das vorletzte Kapitel gewidmet ist und dem auch der schnellste Internetzugang das Surfvergnügen im eigenen Kopf nicht ersetzen kann. Nicht einfach von vorn nach hinten, sondern kapitelweise und ganz nach Geschmack sollte man dieses Buch lesen, denn jeder Abschnitt erschließt sich auch einzeln. Das ist wenig verwunderlich; denn es handelt sich weitgehend um überarbeitete Fassungen früherer Aufsätze des Autors, die meist in "Geo", in seinen Büchern über Affen und Menschenaffen oder dem "Lob der Lüge" erschienen sind.Volker Sommer kommt aus der Schule des verstorbenen Göttinger Anthropologen Christian Vogel. In den siebziger Jahren beobachtete er als Feldforscher Graue Langurenaffen in Indien und brachte die ersten fotografischen Belege für das bis dahin niemals stichhaltig nachgewiesene Phänomen der Kindstötung durch Affenmännchen. Sommer hat – ungewöhnlich für deutsche Biologen – einen Lehrauftrag an der Universität Cambridge. Kritisch anzumerken ist schließlich, dass sich im Buch weder diese noch sonstige Informationen zur Person und Vita des interessanten Autors finden.

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Spektrum der Wissenschaft 10/00

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