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DJ im Gehirn

Warum das Unbewusste viel weiser ist, als wir meinen, legt der Psychologe John Bargh dar.

Dieses Buch ist eine Art Vermächtnis. Der US-amerikanische Psychologe John Bargh fasst darin sein eigenes Lebenswerk zusammen und gibt zugleich einen Überblick über die moderne Erforschung des Unbewussten. Bargh, Jahrgang 1955, gilt als Experte auf dem Gebiet der »impliziten Informationsverarbeitung« – jener Mechanismen also, die unser Urteilen, Fühlen und Handeln insgeheim steuern. Seit rund 40 Jahren erforscht er, wie unbemerkte Reize die Denk- und Verhaltensmuster von Menschen prägen.

Seinem Labor an der Yale University in New Haven (US-Bundesstaat Connecticut) gab er den sprechenden Namen ACME – für Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation. Denn »acme« bedeutet auf Griechisch »Zenit«, und für Bargh stellt gerade nicht unser Bewusstsein, sondern das Unbewusste den Gipfel des menschlichen Geistes dar. Wie dem Forscher vor Jahren ein im Traum erschienener Alligator verkündete, kommt das Unbewusste zuerst, sowohl stammes­geschichtlich als auch, was die Hierarchie der mentalen Tätigkeiten angeht. Alles, was uns bewusst wird, hat stets schon eine lange Vorgeschichte von automatischen Verarbeitungsschritten im Gehirn hinter sich.

Demut akzeptieren

Bargh und sein Team machten mit viel zitierten Arbeiten von sich reden wie etwa jener, bei der Probanden nach der Lektüre von Texten mit alternsrelevanten Begriffen (»grau«, »vergesslich«) langsamer über den Institutsflur schlurften als Kontrollpersonen ohne diese Einflüsterung. Oder auch mit Studien, die zeigten, dass empfundene Wärme unser Vertrauen in andere stärkt.

Mit Anekdoten garniert, erzählt der Autor von den Höhen und Tiefen seiner Laufbahn. Als Student litt er unter dem Dogma des damals noch vorherrschenden Behaviorismus, der die Frage nach dem Bewusstsein vollständig ignorierte. Später war er frustriert, als viele Forscher im Zuge der »kognitiven Wende« auf einmal nur noch bewusste Konzepte und Abwägungen für ausschlaggebend hielten. Hier der rationale Verstand, dort das triebhafte Unbewusste – von dieser Schwarz-Weiß-Malerei hält Bargh wenig. Das Unbewusste sei vielmehr ein höchst effizienter, kluger Ratgeber und aus unserem Leben nicht wegzudenken.

Bargh illustriert diese These nicht nur anhand eigener Resultate, sondern auch mit denen von Kollegen, zum Beispiel der Forschung der früh verstorbenen Sozialpsychologin Nalini Ambady (1959–2013). Diese hatte gezeigt, dass das bloße Aktivieren »typisch weiblicher« Stereotype – durch Bilder, auf denen Mädchen mit Puppen spielten – 10- bis 14-jährige Schülerinnen schlechter rechnen lässt. Das Unbewusste hat durchaus Schattenseiten, wenn es von kulturell vermittelten Vorurteilen geprägt ist.

Barghs Arbeiten sind nicht unumstritten. Weil sich einige seiner Befunde schwer wiederholen ließen, geriet er in den Sog der »Reproduzierbarkeitskrise« der Psychologie. Allerdings liegt es in der Natur solcher Priming-Studien, dass die dabei provozierten Verhaltensnuancen eben genau das sind: Nuancen. Niemand kehrt seine Meinung ins Gegenteil um, weil man ihn unterschwellig dazu anstiftet, die Sicht eines Andersdenkenden einzunehmen. Kein Unsympath erscheint uns plötzlich liebenswert, nur weil wir eine heiße Kaffeetasse in Händen halten. Dennoch eröffnen Barghs Experimente spannende Erkenntnisse über die Funktionsweise unserer Psyche.

Das Buch liefert nicht nur eine Fülle von empirischen Belegen, sondern gibt auch praktische Tipps. Zwar hat der Autor keine Methode parat, wie man sein Unbewusstes zielsicher lenken und für die eigenen Zwecke einspannen kann. Doch ein paar Faustregeln kennt er schon: So empfiehlt der Psychologe, seinem Bauchgefühl stets den Rat der bewussten Abwägung an die Seite zu stellen und in schwer überschaubaren Fragen der Intuition zu vertrauen. Wichtig sei zudem die »Demut, zu akzeptieren, dass wir nicht immer bis ins Kleinste verstehen, warum wir tun, was wir tun«.

Als Student legte Bargh leidenschaftlich gern Platten von Led Zeppelin und anderen Rock-Heroen auf. Heute rät er, jeder solle zum »DJ seiner selbst« werden. So wie beim Plattenauflegen ein verklingender Song in den nächsten übergeht, läuten implizite Erinnerungen und Reize unsere Wünsche, Gedanken und Handlungen im Kopf ein. Das Vergangene bereitet somit unsere Erwartungen an die Zukunft vor. Im Alltag nutzen wir dies intuitiv – etwa wenn wir uns Familien­fotos auf den Schreibtisch stellen. Wie und warum dies motivierende Wirkung auf uns hat, ist nur ein Beispiel aus Barghs Trickkiste. Eine erhellende Lektüre für alle, die mehr über die Natur des Unbewussten wissen wollen.

1/2019 (Januar/Februar)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 1/2019 (Januar/Februar)

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