»Vorbildlich unperfekt«: Mit Fantasie und Leichtigkeit durch den Alltag mit Kindern
Im Alltag mit Kindern und bei dem Versuch, alle Rollen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, geht manchmal etwas verloren: Spaß und Leichtigkeit. Dass es sich lohnt, diese gerade nicht aus den Augen zu verlieren, verdeutlicht Marlies Johanna Heckner in ihrem Buch.
Als Momfluencerin erreicht sie über TikTok, YouTube, Instagram und ihre Podcasts Hunderttausende Mütter und Väter. Auch in ihrem Buch »Vorbildlich unperfekt« widmet sich die Mutter von zwei Kindern den Herausforderungen der Elternschaft.
Lieber authentisch als perfekt
Heckner schreibt über soziale Erwartungen an Mütter (und Väter), über ungesunde Ansprüche an sich selbst und falsch verstandene Bedürfnisorientierung. Sie betont, wie wichtig es ist, sich zu fragen, was das Beste für alle in der Familie ist, »weder kindzentriert noch elternzentriert«.
Der Autorin ist es wichtig, auch kulturelle Unterschiede in der Erziehung zu betonen und klarzumachen, dass es die eine richtige Erziehung nicht gibt – und es keine perfekten Eltern braucht. »Anstatt Angst vor Fehlern zu haben, können wir sie zum Anlass nehmen, um Neues zu lernen«, schreibt sie. Authentizität sei viel wichtiger als Perfektion.
Dabei scheut sie sich nicht, von ihren eigenen Fehlern als Mutter zu erzählen, von harten Zeiten, beißenden Kindern, Unsicherheit und Selbstzweifeln. Das macht sie sympathisch. So schildert sie zum Beispiel, wie sie mit häufig empfohlenen Strategien, dem Kind bei einem Wutausbruch die Gefühle zu spiegeln, nicht weiterkam; auch bei meinem Sohn habe ich das oft versucht und nie als hilfreich empfunden. An anderer Stelle berichtet die Autorin davon, wie sie der Gedanke wochenlang nicht losließ, die Bindung zu ihren Kindern sei möglicherweise nicht gut genug, weil sie dies oder jenes getan oder unterlassen habe.
Bindung wird oft falsch verstanden
Der schwächste Teil des Buchs ist der zum Thema Bindung. Auch wenn manche Kritik, die Heckner hier formuliert, berechtigt sein mag – manchmal hat man beim Lesen den Eindruck, Bindung sei aus ihrer Sicht ein unwichtiges, überholtes Konzept und die entwicklungspsychologische Forschung sei beim »Strange Situation Test« stehen geblieben. Dabei ist das unsichtbare Band zwischen Eltern und Kindern unumstritten ein wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit und lässt sich sogar im Hirnscannersichtbar machen. Die Eltern-Kind-Bindung ist nur eben nicht so fragil, wie manche behaupten, und bedarf auch nicht beständiger Anwesenheit. Inzwischen verstehen Psychologinnen und Psychologen das Konzept Bindung vor allem als ein Kontinuum mit den zwei Dimensionen Angst und Vermeidung.
Fantasie beflügelt die kindliche Kooperation
Der stärkste Teil des Buchs ist der letzte, in dem die Autorin kreative Impulse einbringt. Dabei greift sie oft auf die Kraft von Fantasie und Magie zurück, etwa auf moralische Geschichten oder das Puppentheater. Auch wenn ich nicht immer alle Meinungen der Autorin teile, stecken in dem Buch viele guten Gedanken und Anregungen für einen leichteren Familienalltag.
Eltern als Bergführer
Die Autorin macht klar: Kinder brauchen Anleitung, einen »Bergführer an ihrer Seite«, wie sie es nennt, der ihnen souverän den Weg zeigt. Sie wollen eigentlich gerne kooperieren. Und sie müssen spielerisch lernen, die Perspektive zu wechseln und zu verstehen, was ihr Verhalten bei anderen auslöst.
Manche Ideen habe ich direkt mit meinem Dreijährigen ausprobiert und war verblüfft. Gab es im Kindergarten mal wieder Streit, stellen wir die Situation nun mit Kuscheltieren nach und überlegen uns, wie eine gute Lösung für alle aussehen kann.
Waschlappen oder Löwe?
Heute Morgen hat sich mein Sohn die Müsli-Überbleibsel ohne Probleme und unter Kichern abwischen lassen. Der Waschlappen durfte als hungriger Löwe die Krümel vom Mund wegnaschen. Allein für solche Momente hat sich die Lektüre schon gelohnt.
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