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Paradoxe Prosa

Philosophin Rebekka Reinhard prangert ein Schwarz-Weiß-Denken an, dem sie selbst aufsitzt.

Es ist erstaunlich, wie bedenkenlos manche Sachbuchautoren sich genau der Muster bedienen, die sie kritisieren. Rebekka Reinhard, Philosophin in München, prangert das binäre Denken der »verblödeten Vernunft« an, das analog zur Computerlogik nur 0 oder 1, entweder oder, Erfolg oder Scheitern, Mann oder Frau kenne. Und was macht Reinhard? Sie stellt diesem absoluten Negativ »DUMPF« (in Großbuchstaben) das »WACH« als Heilmittel gegenüber. Moment, war nicht eben noch das »Gefangensein im Binären« das Problem? Wie kann man jene abkanzeln, die »Vielfalt und Vieldeutigkeit in Eindeutigkeit verwandeln«, und zugleich ein horrendes Schwarz-Weiß-Bild ohne Zwischentöne zeichnen?

»WACH« vereint, was attraktiv klingt: rebellisch, originell und innovativ, kreativ-anarchisch, spielerisch, offen, flexibel, unvorhersehbar, progressiv, pragmatisch, emotional. Es ist fast alles, nur nicht »DUMPF« – fantasielos, erstarrt, einengend, männlich-heroisch … Hopp oder topp, Gut gegen Böse, lässt sich so das binäre Denken überwinden?

Die Widersprüche gehen noch weiter. Die Autorin beklagt den Vormarsch gefühlter Wahrheiten. »Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen.« Nur warum soll das emotionale »Mit-dem-Herzen- Denken«, das Reinhard favorisiert, davor gefeit sein?

Ist ein wenig Drang nach Antworten nicht doch hilfreich?

Oder nehmen wir den Relativismus. Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwische, da heute jeder meine, wahr sei, was ihm vorteilhaft erscheint. Doch wäre man so offen und unentschieden, wie das Buch empfiehlt, woher kämen dann die Kriterien, die Unfug und Pseudowissenschaft als solche erkennbar machen? Ist ein gewisser Drang nach Antworten nicht doch hilfreich?

Lässt man den Appell zum richtigen Denken beiseite und sucht eine überzeugende Zeitdiagnose, stößt man auf Berge von feuilletonistischen Metaphern. Da wird »der offene Geist zugeklappt«, das »Hirnstübchen von Reflexionsresten gereinigt«, und es »schwellen Sprechblasen jäh zu Monstergebilden an«. Die Welt (ohnehin ein schwer zu fassendes Konzept) sei ein »singulär-plurales, hyperreales Hybrid aus Fakten und Fake, Zufall und Notwendigkeit«. Psychologen, die die Leichtgläubigkeit von Menschen ergründen, gaben solcher Prosa einen schönen Namen: pseudoprofunder Bullshit.

So überzeichnet und inkonsistent die Thesen des Buchs sind, es enthält (und bestätigt selbst) eine richtige Beobachtung. Klare Freund-Feind-Schemata sind ein Merkmal unserer Zeit, oft verstärkt durch die Rudelbildung in der digitalen Kommunikation. Andere abzuwerten, weil sie Fleischessen okay finden oder naiverweise meinen, es gebe bloß zwei Geschlechter, ist verbreitet. In den sozialen Medien grassiert ein Empörungskult, der andere Sichtweisen reflexhaft verunglimpft. Doch dagegen hilft kein Geschwurbel.

Beispiel: »Mein universalpoetischer Traum wäre ein von Dogmen freier, vorurteilsfreier Raum, in dem sich (…) Ich und Wir, Gemeinschaft und Gesellschaft stürmisch begrüßen. Ein Freiraum, aus dem irgendwann neue Maßstäbe für das Wahre, Schöne und Gute (…) entstehen können.«

Das wirft zwei Fragen auf: Warum wäre das der Traum der Autorin, ist er es nicht? Und was kann es für Maßstäbe geben, wenn man sich so gar nicht festlegen, sondern das Absurde umarmen möchte?

Am Ende wird es vor lauter Aufbruchsrhetorik querdenkerisch. Drei Tugenden, die zugleich Un-Tugenden seien, prophezeit Reinhard »vielleicht eine glänzende Zukunft«: Gegenwärtigkeit, Leichtigkeit, Liebe. Es sei Zeit, »in Resonanz zur Welt« zu treten und »dem konformistischen Muss verblödeter Vernunft kein Wort« mehr zu glauben. Man »übernimmt jetzt Verantwortung« und stellt »die eine oder andere kritische Frage«, laut einer Fußnote auch zur »Verhaltenssteuerung mittels des staatlich proklamierten Ausnahmezustands«. Nein, nicht die Pandemie erfordert gewisse Maßnahmen, sondern es geht um Verhaltenssteuerung von oben! Spätestens hier fühlt man sich an jene »Freiheitskämpfer« erinnert, die auf Hygienedemos zwischen Reichsbürgern und Impfgegnern schwadronieren. Mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen denken täte not.

12/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 12/2020

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