»Wald ohne Bäume«: Bäume brauchen Räume
Drei schmale schwarze Bäume finden sich am Rand einer weißen Buchseite. Etwas verloren scheinen sie zu sein. Sie werfen Schatten, die auch noch vom Seitenrand abgeschnitten werden. Mit Zeichnungen wie dieser visualisiert die Illustratorin und Autorin Hanna Harms ihre kurzen Texte: »Wald hört dort auf, wo der Einfluss von Holzgewächsen endet. Flächen ohne Wurzeln und ohne Schatten der Bäume. Vernichtung des Wesens des Waldes«.
Hanna Harms hat sich in ihrer Graphic Novel die anspruchsvolle Aufgabe gesetzt, die gesamte »Geschichte« des Waldes zu erzählen: von der Entstehung der Erde bis in die Zukunft hinein. Sie geht dabei überaus kreativ vor – und das mit einer extrem sparsamen Farbpalette und kurzen Textzeilen. Allein mit Grün, Schwarz, ein wenig Rot, Strichen, Flächen und stilisierten Zeichnungen von Kraftwerken oder Bäumen gelingt es ihr, die Verwandlungen des Waldes darzustellen.
Die Entwicklung des Waldes und der Einfluss des Menschen
Hanna Harms’ Illustrationen zeigen, wie die Elemente des Periodensystems und Kleinstlebewesen entstehen, wie die Fotosynthese beim Wachsen hilft, wie Moose und Flechten an Land kommen und dann in die Höhe wachsen; wie die ersten baumähnlichen Wuchsformen aus Schachtelhalmen und Bärlapp der ersten Urwälder hervorgehen und später uns bekannte Pflanzen wie Zypressen, Mammutbäume, Kiefern oder Wacholder hinzukommen. Harms schildert detailliert, wie das Waldökosystem funktioniert, wie Pilze und Mikroorganismen im Bodensystem in einem »komplexen Tauschhandel« mit den Bäumen zusammenarbeiten oder wie im genetischen Material Informationen gespeichert werden. Beim Schauen und Lesen entwickelt man einen tiefen Respekt vor diesem umfassenden Netzwerk, das den Wald ausmacht.
Doch dann, noch vor der Hälfte des Buchs, kommt der Mensch – und mit ihm das Massenaussterben der Megafauna und auch der erste Raketenstart als Zeichen von »endloser Freisetzung von Kohlendioxid«. Es beginnt die Nutzung der Wälder sowie deren Rodung und Zerstörung durch Gifte. Insekten sterben, es gibt weniger Bestäuber und Samenausbreiter, Parasiten erstarken. Hanna Harms schildert viele der Folgen, die sich aus dem Aufbruch des Waldsystems ergeben. Und fragt nach: Wie könnte man das ändern? Den Wald wieder beobachten, um von ihm zu lernen? Ressourcen sorgsamer verbrauchen? Wälder weniger stören?
Ein überzeugendes Konzept, aber kleine Schwächen in der Umsetzung
Harms hat viele Quellen ausgewertet und Fakten gesammelt, die sie knapp und in immer neuen Zeichnungen vorstellt. Leider nicht fehlerfrei, denn heute, so Harms, würden Bäume nur noch 30 Prozent der Erdoberfläche bedecken – korrekt muss es hier »der globalen Landfläche« heißen. So misslingt auch die entsprechende Zeichnung. Das scheint auch der Biologe und Waldforscher Pierre L. Ibisch nicht bemerkt zu haben, der im Nachwort seine Lektüreerfahrung so beschreibt: »So ergibt sich beim Durchblättern und Lesen eine gute Mischung aus Staunen, Rätseln und Empören.« Das passt. Hanna Harms’ Buch hat eine neue Art des Sachbuchs geschaffen, die von sehr kreativen Visualisierungen geprägt ist. Es macht einfach Spaß, hier genauer hinzusehen und auch manchmal länger zu rätseln, was einige der grünen oder schwarzen Symbole wohl bedeuten mögen.
Allerdings wirken einige Darstellungen zu abstrakt, manche Texte zu stakkatoartig – was es einem mitunter erschwert, ein Gefühl für die Pflanzenwelt zu entwickeln. Das Buch fällt deutlich nüchterner aus als Harms’ überragend gelungenes Vorgängerwerk »Milch ohne Honig«, das es den Lesern leicht macht, sich in die Lebensweise von Bienen hineinzuversetzen. So wäre es in »Wald ohne Bäume« zum Beispiel nicht nötig gewesen, kompliziert vom Aufbrechen und Ausbilden von Wasserstoffbrücken zu schreiben, ohne dabei deutlich zu machen, dass hier schlicht vom Verdampfen und Kondensieren von Wasser die Rede ist – zwei Schlüsselprozessen in der Natur. Das ist für chemisch Unkundige schwer zu verstehen. Derlei ist unnötig, denn wissenschaftlich fundiert, detailreich und tief wäre dieses Buch auch ohne die Verwendung komplizierter chemischer Begriffe.
Gegen Ende tauchen sie dann wieder auf, die drei hohen schwarzen Bäume. Jetzt sind sie aber grün und groß und füllen – samt ihrer Schatten – hoffnungsvoll die ganze Seite. Die Wiederbewaldung verlorengegangener Waldflächen sei für die Zukunft ein guter Weg, schreibt Harms. So könnten grüne Inseln zu Trittsteinen werden, Korridore Zufluchtsorte verbinden und zusammenhängende Einheiten entstehen, die das Überleben bedrohter Arten sichern. Voraussetzung sei eben, dass die Bäume den Platz dafür bekommen. Diesen könnte, so die Autorin, die weltweite Einführung einer pflanzenbasierten Ernährung schaffen, denn durch sie ließe sich die globale Agrarfläche um 75 Prozent reduzieren. Eine Menge Raum für Wälder mit Bäumen, die dann auch lange Schatten werfen.
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