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Buchkritik zu »Warum der Mensch glaubt«

Martin Urban, mehr als dreißig Jahre lang Leiter des Wissenschaftsressorts der "Süddeutschen Zeitung", hat sich eine umfangreiche Aufgabe gesetzt. Die Ursprünge des Glaubens sollen aus den biologischen und psychologischen Wurzeln erklärt werden, und außerdem soll dabei noch Licht auf die vielgestaltige Frage nach dem Sinn des Lebens fallen. Das Buch ist im Plauderton geschrieben und verbindet in gefälliger, aber semantisch unscharfer Weise weit auseinander liegende Wissensgebiete. Am überzeugendsten ist das Kapitel "Glaube und Macht". Hier macht Urban deutlich, wie viel Fälschung, Betrug und Autosuggestion in der orthodoxen spirituellen Überlieferung der katholischen Kirche enthalten ist.

Engagiert schildert er den psychologischen Missbrauch der Beichte und die Unterdrückungsmechanismen unter Ausnützung des Sündenbewusstseins der Menschen sowie das perverse Verhältnis der christlichen Moraltheologie zur Sexualität. Informativ und vielleicht nicht jedem bekannt sind die Darlegungen zur islamischen und jüdischen Moral fundamentalistischer Prägung. Diese Grundhaltung ist zweifellos eine Ursache der Schwierigkeiten im Verhältnis mit der säkularen Gesellschaftsform in Europa. Hier breitet der Autor auch das ganze Arsenal von Irrationalitäten der Religion aus, von den Wirkungen des Heiligen Geistes bis zu den Unfehlbarkeitsverkündigungen der Kirche.

Im Gesamteindruck wirkt das Werk jedoch in erster Linie konfus, unentschlossen und schlecht informiert. Der Autor zitiert sehr viel – und unterlässt es dann, in der Landschaft seiner zahlreichen Quellen einen eigenen Standpunkt zu bestimmen. Bei den kniffligen Problemen, etwa dem der Willensfreiheit, bezieht er keine Stellung. Er sieht sich außer Stande zu sagen, was die Seele wirklich ist, obgleich es hierzu glasklare Analysen von Paul Churchland oder Mario Bunge gibt.

Bei der Frage nach Sinn stiftenden Quellen nennt Urban auch die Bibel, aber es wird letztlich nicht klar, ob er sie für einen verlässlichen Leitfaden zur Lebensgestaltung hält oder nicht – zu divergierend sind die Kommentare. Aus der historischen Forschung zum Alten Testament schildert er einiges, kann sich aber weder zu einer systematischen Religionskritik noch zu einer entschiedenen Glaubensverteidigung durchringen. Nur an der Himmelfahrt Mariens äußert der Autor gewisse Zweifel.

Nicht einmal zur Astrologie, die nun wirklich gut untersucht wurde, wagt sich der Autor an eine definitive Beurteilung heran. Viele Fakten aus der Religionsgeschichte, die in dem Buch ausgebreitet werden, sind von Religionshistorikern wie Karl-Heinz Deschner, Horst Herrmann und Hans Albert akribisch kritisiert worden. Aber Urban schweigt über die gesamte Gruppe der argumentierenden Religionsanalytiker, wohl weil er sich zu keinem definitiven philosophischen Standpunkt gegenüber den Gehalten der Religionen durchringen kann. Gerade der von ihm zitierte biblische Taufbefehl in Markus 16, 15-16 ("Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden"), wäre sehr gut geeignet gewesen, sich Gedanken über die Humanität der jesuanischen Ethik zu machen.

Allerdings haben andere Autoren wie Gerhard Streminger dies längst geleistet. Im Kapitel XII "Das Scheitern der Aufklärung" spricht Urban ein weiteres Thema an, das sich systematisch hätte behandeln lassen: das Verhältnis von Rationalität und Glaube. Aber wieder kommt weder ein richtiger Argumentationsablauf zu Stande noch eine eigene Meinung. Nur verklausuliert und ohne weitere argumentative Unterstützung bekennt er sich schließlich doch zur jesuanischen Gottesvorstellung, mit einem völlig ungeschützten Bekenntnis zu intuitiven Wahrheiten. Wie man von Gott reden soll? In John Leslie Mackies Buch "Das Wunder des Theismus" hätte er es nachlesen können, aber die gesamte analytische Philosophie kennt er offenbar nicht.

Das ganze Buch besteht aus einem methodisch ungeordneten Mäandrieren durch die heutige Weltanschauungslandschaft. Es scheint doch so zu sein, dass eine saubere begriffliche Schulung durch nichts zu ersetzen ist.
  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 1/2006

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