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Wenn aus Mücken Elefanten werden

Zwei Wissenschaftlerinnen beleuchten, wie der Mensch der Natur schadet und was man tun kann, um die drohende Katastrophe zu verhindern.

Neben uns leben etwa acht Millionen weitere Arten von Lebewesen auf der Erde. Doch es werden immer weniger – und ihre Anzahl nimmt immer schneller ab. Mit welchen technischen Entwicklungen und menschlichen Verhaltensweisen das zusammenhängt, erläutern Frauke Fischer, Biologin und Autorin von »Der Palmöl-Kompass«, und die Wirtschaftswissenschaftlerin Hilke Oberhansberg in ihrem neuen Buch »Was hat die Mücke je für uns getan?«.

Wie hält man das Artensterben auf?

Um auch Leser ohne Vorkenntnisse auf die Reise über den Globus mitzunehmen, beginnen die Autorinnen mit einigen Begriffsklärungen. So erfährt man, was Biodiversität bedeutet und wie man eine Art definiert. Dann geht das Werk zu einer Bestandsaufnahme über bis hin zur Ursachenforschung: Was treibt das Artensterben an? Was hat das Artensterben mit uns zu tun? Und: Was sind mögliche Lösungsansätze?

Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) veröffentlicht fortlaufend eine so genannte Rote Liste. Bis Anfang 2020 haben Wissenschaftler der IUCN etwa 116 000 Arten untersucht und kamen zu dem Ergebnis, dass 31 000 davon – zirka 27 Prozent – bedroht sind. Während man für Vogel- und Säugetierarten schon weitgehend verlässliche Aussagen hinsichtlich ihres Bedrohungsgrads tätigen kann, hat man bisher aus Geld- und Personalmangel nur 0,8 Prozent aller bekannten Insektenarten untersucht. Geschätzt seien rund 40 Prozent davon vom Aussterben bedroht.

Besonders tragisch ist das Artensterben, wenn so genannte Hotspots der Biodiversität betroffen sind. Weltweit existierten 34 solcher Orte, die zwar lediglich 2,3 Prozent der weltweiten Landfläche ausmachen, aber 50 Prozent aller Pflanzenarten, 55 Prozent aller Süßwasserfischarten und 77 Prozent aller Landwirbeltierarten beherbergen. Menschen haben bereits 86 Prozent der ursprünglich vorhandenen Hotspot-Flächen zerstört.

Die Autorinnen arbeiten in ihrem Buch die verschiedenen Ursachen für diese Zerstörung heraus. Ein Treiber sei die Veränderung von Lebensräumen, etwa durch die Umwandlung von Wäldern in landwirtschaftliche Nutzflächen. Schon jetzt bestehen elf Prozent der globalen Landareale aus solchen Flächen. Ein weiterer Faktor stellt die Übernutzung natürlicher Ressourcen dar. Die Meere sind überfischt, und auch die Jagd von Nashörnern oder Schuppentieren stellen dramatische Beispiele dafür dar. Zudem führen Pflanzenschutzmittel zu einer Überdüngung unserer Böden, wodurch sich die Chemikalien in Gewässern anreichern. Zusätzlich erschweren invasive Arten, die durch Frachtmaschinen und Containerschiffe eingetragen werden, das Überleben heimischer Arten. Darüber hinaus verschwinden wegen des sich verändernden Klimas ganze Ökosysteme inklusive der in ihnen lebenden Arten.

In einem Kapitel beschreiben Fischer und Oberhansberg anschaulich und zugleich beklemmend die Monotonie, die auf unseren Äckern herrscht. So gehören heute 66 Prozent der landwirtschaftlich produzierten Nahrungspflanzen zu nur neun Arten – nämlich Weizen, Kartoffel, Sojabohne, Ölpalmfrüchte, Zuckerrübe, Zuckerrohr, Mais, Reis und Maniok, was zu einer rapide sinkenden Biodiversität führt.

Auch in der Tierhaltung geht es nicht viel abwechslungsreicher zu. Gerade einmal 40 Nutztierarten werden weltweit gehalten. Dadurch nimmt die genetische Vielfalt dramatisch ab, was die Verwundbarkeit gegenüber Krankheitserregern steigert. Eine Reis- oder Weizenkrankheit innerhalb unserer Monokulturen käme so einer Katastrophe globalen Ausmaßes gleich. Um möglichst viele Nutzpflanzenarten zu erhalten, hat die norwegische Regierung auf Spitzbergen einen »Saatgut-Tresor« eingerichtet. Hier werden fast 900 000 Samen von 5000 Pflanzen gelagert – was trotzdem nur rund fünf Prozent der wilden Vorfahren heutiger Nutzpflanzen entspricht.

In einem anderen Abschnitt werfen die Autorinnen die spannende Frage auf, wer oder was eigentlich als schützenswert gilt. Wir bedienen uns einer anthropozentrischen Perspektive, wenn wir nur jene Arten schützen, die dem Menschen nützen. Ein physiozentrischer Ansatz würde dagegen alle Lebensformen ins Zentrum rücken und sie als gleichberechtigt ansehen, selbst wenn ihr Schutz nachteilig für den Menschen wäre.

Weiterhin fragen die Autorinnen, ob wir nicht vielmehr die Natur vor uns selbst schützen müssten – und warum uns das nicht gelingt. Zwar sägen wir damit an unserem eigenen Ast, aber es betreffe nicht immer den Abschnitt, auf dem wir sitzen: Den Preis für unser Verhalten zahlen häufig andere Menschen, so die Autorinnen. Das betreffe meist die ärmsten Regionen der Erde. So seien es europäische Fischer, die die Fischbestände vor der westafrikanischen Küste übernutzen.

Dabei hat unser Handeln in fernen Regionen einen direkten Einfluss auf uns. Zum Beispiel hängt unsere Lebensmittelproduktion von den Wäldern im Kongobecken ab. Denn die dort produzierte Luftfeuchtigkeit geht erst tausende Kilometer entfernt als Regen nieder – und zwar in Europa. Ein Abholzen dieser Wälder würde bedeuten, dass wir unsere Böden nicht mehr genügend bewässern könnten. Auch das Insektensterben wirkt sich auf unser westliches Leben aus. Die Kleinstlebewesen dienen nicht nur als wichtige Nahrungsquelle für Vögel, Fledermäuse, Fische oder Reptilien, sondern sind auch Bestäuber vieler Nutzpflanzen. Bartmücken kümmern sich zum Beispiel um Kakaopflanzen.

Sollte die Biodiversität weiterhin rapide abnehmen, werden wir aber nicht nur auf Schokolade verzichten müssen – unsere gesamte Lebensmittelproduktion wäre in Gefahr. Um dem zu entgehen, müsse man das Zerstören von Ökosystemen unwirtschaftlich machen, so das Autorenduo. Dafür könnte man Ökosystemleistungen als weiteres Argument für ihren Erhalt monetarisieren. Weiterhin sollte man Landwirtschaftsformen ökologisch anpassen sowie Jagd und Fischerei strenger kontrollieren. Vor allem müssten wir jedoch wieder lernen, mit der Natur- und Tierwelt zusammenzuleben, und ein Verantwortungsbewusstsein für Bewohner der ärmsten Länder unserer Erde entwickeln.

Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg zeigen in ihrem Buch eindringlich, wie der Mensch die Natur- und Tierwelt beeinflusst, und machen deutlich, dass die Konsequenzen uns alle betreffen. Den Autorinnen gelingt es dabei, ernste Zusammenhänge verständlich, unterhaltsam und informativ zu beleuchten. Nach der Lektüre dürfte klar sein, dass wir die Mücke schützen müssen, damit sie weiterhin etwas für uns tun kann.

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