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»Was mir mein Kopf erzählt«: Kinder mit Köpfchen

Wie erklärt man Kindern das Gehirn? Auf schönste Weise vermitteln die Texte von Julia M. Nagy und die Illustrationen von Bine Penz, wie wir denken und lernen.

Pia und ihr Bruder Toni hören ein lautes »Krck«, als sie im Wald auf eine Walnuss treten. Als Toni die aufgeplatzte Schale in die Hand nimmt, ruft er: »Das sieht aus wie ein menschliches Gehirn!« Das habe er schon mal in der Schule gesehen, erzählt er seiner kleinen Schwester. Aber das menschliche Gehirn sei noch viel größer und schrumpeliger.

Ausgehend von dieser kleinen Geschichte, erklärt Julia M. Nagy in ihrem Sachbilderbuch das Funktionieren des Gehirns. Es sorgt für den Rhythmus unseres Herzschlags, koordiniert unseren Gang und ist entscheidend dafür verantwortlich, ob wir glücklich oder traurig sind, wie wir lernen oder woran wir uns erinnern. Die Illustratorin Bine Penz zeichnet neben die sachlichen Texte einen Kinderkopf und zeigt die Aufteilung des Gehirns in Großhirn, Zwischenhirn und Kleinhirn. Auch wo die Funktionen für Sprache, Riechen, Sehen oder Gefühle im Gehirn ungefähr lokalisiert werden, skizziert sie. So ganz genau weiß man das nicht, denn vieles an unserem Gehirn ist noch unerforscht.

Warum vergisst die Nachbarin, wie ich heiße?

Damit das Gehirn für ihre jungen Leser vertrauter wirkt, bewegt sich die Autorin entlang von Themen aus der kindlichen Erlebniswelt. Da sitzen Kinder mit ihren Eltern am Tisch und machen Schulaufgaben, erklimmen auf dem Spielplatz Klettergerüste, wundern sich auf der Straße über vergessliche ältere Nachbarn, reden über unterschiedliche Vorlieben von Farben, üben vor dem Zubettgehen ein Gedicht für Opas Geburtstag, schleichen in der Wohnung umher, weil ein Migräneanfall ihre Mutter ins Bett zwingt, oder wundern sich über unaufmerksame Erwachsene, die im Bus nicht von ihrem Handy wegkommen. Und immer wieder fragen sie: Warum kann ich das? Warum vergisst die Nachbarin, wie ich heiße? Wie kann ich nur das Gedicht besser lernen? Und wann kann ich endlich die Matheaufgabe lösen?

So nähert sich das Kinderbuch den kognitiven Prozessen im Gehirn oder dem Aufbau des Nervensystems. Es erklärt, wie wir etwas behalten, was im Schlaf geschieht, oder wie uns Reflexe in gefährlichen Situationen helfen, wenn wir etwa ganz schnell die Hand von einer heißen Herdplatte wegziehen. Wie im Beispiel mit der Walnuss beleuchtet Nagy nach der Beschreibung der Alltagssituationen ihre fachlichen Hintergründe, erklärt, wie Lernreize die Verbindungen von Nervenzellen verstärken, Menschen unterschiedliche Entwicklungsschritte machen, sie Vorlieben mit guten oder schlechten Erfahrungen verbinden, wie wichtig guter Schlaf ist, was bei Kopfschmerzen hilft oder wie das Gehirn im Alter schrumpft.

Mit den Augen der Wissenschaft

Nagys Expertise kommt ihrem Buch zugute: Sie hat Neuro- und Kognitionsbiologie studiert und arbeitet im Projekt »growing ideas« mit. Ziel des Projekts ist es, wissenschaftliche Inhalte verständlich und nachvollziehbar für Kindergartenkinder aufzubereiten. Das gelingt den Autorinnen in ihrem Buch auch deswegen ausgezeichnet, weil Bine Penz die Texte so wunderschön in Aquarell und Buntstift illustriert hat. Bunt, farbig und einfühlsam malt sie die Welt der Kinder, mit Freunden auf dem Spielplatz, zu Hause in der Küche mit den Eltern oder auf der Straße im Gespräch mit Nachbarn. Nüchterner und eher ein- beziehungsweise zweifarbig gestaltet sie die Illustrationen, wenn es um die Gehirnfunktionen geht. Da erschrecken dann auch nicht Begriffe wie »Synapsen« oder »Dendriten«. Verwundert werden die Kinder erkennen, dass auch das Baby im Bauch schon mit Gehirn gezeichnet ist oder wie ein Kinderkörper von oben bis unten von Nerven durchzogen ist.

Auch wenn für Kinder im Kindergartenalter die Sachtexte wohl noch zu kompliziert sind, erfahren sie in den beschriebenen Alltagssituationen sehr viel und üben sich in einem ersten »wissenschaftlichen« Blick auf die Welt und sich selbst. Kinder, die das Buch gelesen haben, können dann ihren Spielgefährten nicht nur erzählen, was sie in der Schule gesehen haben, sondern auch: »Das habe ich in diesem tollen Buch gelesen!« Denn in der Kombination mit den Zeichnungen von Bine Penz bleibt das Gelernte sicher noch nachhaltiger in Erinnerung.

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