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Gefahr durch uns selbst?

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz schreitet in atemberaubendem Tempo voran. Computer spielen mittlerweile nicht nur Schach besser als der Mensch, sondern auch Go und Poker. Und es gibt Bereiche, in denen Homo sapiens praktisch keine Rolle mehr spielt. Zum Beispiel im Hochfrequenzhandel. Dort führen Algorithmen, so genannte Algo-Trader, in Mikrosekunden Transaktionen aus. Beim Fahrdienstleister Uber schicken nicht Menschen die Fahrer auf Routen und setzen die Preise, sondern Algorithmen.

Können Maschinen denken? Wenn ja, worüber denken sie nach? Können sie ein Bewusstsein entwickeln? Ist das Gehirn auch eine Denkmaschine? Werden Roboter Bürgerrechte einfordern? Welche Art von Regierung würden sie wählen? Was tun, wenn eine Maschine das Gesetz bricht? Das sind nur einige Fragen, die der Sammelband "Was sollen wir von künstlicher Intelligenz halten?" zu beantworten sucht. In dem Buch finden sich Beiträge renommierter Wissenschaftler wie Haim Harari, Nicholas Carr, Richard Thaler, Nick Bostrom und vieler anderer. Der Band ist ein Konvolut aus 186 knappen, meist essayistischen Beiträgen, die drei bis vier Seiten einnehmen.

Wer steuert wen?

W. Tecumseh Fitch, Professor für kognitive Biologie an der Universität Wien, betont in seinem Beitrag über Nanointentionalität, dass wir in Zukunft weniger von Denkmaschinen zu befürchten hätten als vielmehr von "immer gedankenloseren Menschen, die sie benutzen". Siliziumbasierte Informationsverarbeitung erfordere auch weiterhin eine Interpretation durch menschliche Gehirne. Der Netzkritiker Nicholas Carr stößt, wie bereits zuvor in seinem Buch "The Glass Cage", ins gleiche Horn. "Als Individuen und Gesellschaft hängen wir immer mehr von KI-Algorithmen ab, die wir nicht verstehen", konstatiert er. Der damit verbundene Kontrollverlust in ökonomischen, militärischen und privaten Zusammenhängen sowie die "Unsichtbarkeit von Softwarecodes" drohen die Kosten von Pannen, Ausfällen und unvorhersehbaren Effekten zu erhöhen.

Zukunftsforscher Michael Vassar erblickt in der Delegation von Verantwortung sogar einen "sanften Autoritarismus". "Unsere Chefs wollen uns nicht denken sehen; das würde die Dinge unvorhersagbar machen und ihre Autorität bedrohen. Wenn Maschinen uns überall dort ersetzen, wo wir nicht denken, haben wir ein Problem." Tom Griffiths, Psychologieprofessor an der University of Berkeley, hebt die positiven Aspekte hervor und argumentiert, durch KI-Forschung könne ein besseres Verständnis der Funktionsweise des Gehirns erreicht werden, weil neuronale Netze nach menschlichen Gehirnen modelliert seien.

Wenn sich ein Grundtenor aus dem Band herauslesen lässt, dann der, dass wir keine Angst vor Denkmaschinen haben müssen, sondern eher davor, unser eigenes Denken in der Anwendung dieser Systeme abzuschalten. Die Utopie, ab einem bestimmten Punkt in der Zukunft ("Singularität") überflügle die künstliche die menschliche Intelligenz und Maschinen unterjochten dann die Menschheit, halten die meisten Autoren für ein Sciencefiction-Szenario.

Vielseitiges Werk

Der Vorzug des Bands liegt darin, dass er in seiner Ausgewogenheit weder Technikphobie schürt noch einer Technikeuphorie das Wort redet, sondern das Phänomen fundiert und sachlich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Der interdisziplinäre Zugang drängt sich bei dieser Thematik, die so verschiedene Punkte wie Maschinenethik oder Roboterrechte berührt, geradezu auf – wird aber von wenigen Publikationen gewählt. Die meisten einschlägigen Bücher verharren in einer recht eindimensionalen Sichtweise. Insofern leistet das Werk nicht nur einen wichtigen Debattenbeitrag, sondern auch eine Gesamtschau verschiedener Disziplinen aus Physik, Psychologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Biologie.

Das Buch verschafft sowohl Einsteigern als auch Fortgeschrittenen durch entsprechende Vertiefungsliteratur einen guten Überblick über den Diskussionsstand. Es ist instruktiv und geistreich, als Zusammenstellung zu verstehen und lässt sich auch noch in ein paar Jahren aus dem Regal ziehen. Enttäuschend nur, dass sich so wenige Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum zu Wort melden. Möglicherweise liegt das daran, dass KI-Forschung, vor allem das interdisziplinäre Feld der Technikfolgenabschätzung, in der hiesigen Forschungslandschaft noch immer ein Nischendasein fristet. Seit dem Tod des "FAZ"-Herausgebers Frank Schirrmacher, der seiner Zeit voraus war und die Digitaldebatte ins Feuilleton seiner Zeitung holte, ist das Thema in der breiteren Öffentlichkeit nicht mehr so präsent. Vielleicht mag das Buch einen Denkanstoß liefern, die Debatte fortzusetzen – sachlich und weniger schrill als unter Schirrmacher.

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