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Gelungener Stilmix

Sachkundig und poetisch zugleich nähert sich der Literaturwissenschaftler Andri Snær Magnason dem Thema Klimawandel an.

Man nehme Roger Willemsen, Ranga Yogeshwar und eine kleine Prise Christopher Clark. Heraus kommt der isländische Literaturwissenschaftler Andri Snær Magnason, dem mit »Wasser und Zeit« eine sehr ungewöhnliche und lesenswerte Beschreibung des Klimawandels gelungen ist. Das Werk bewegt sich gekonnt an der Schnittstelle von Tagebuch, Familiengeschichte, Erzählung und Sachbuch, ohne sich direkt einer dieser Schubladen zuordnen zu lassen. Nach dem Lesen bleibt das merkwürdige Gefühl zurück, die geschilderten Fakten zwar bereits gekannt, nun aber ganz neu verinnerlicht zu haben.

Eine Welt geht verloren

In 26 Kapiteln befasst sich Magnason mit den Veränderungen, die wir gegenwärtig erleben – wobei diese Abschnitte keiner bestimmten Chronologie oder übergeordneten Logik folgen, sondern die Phänomene aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Wenn der Autor beispielsweise von Ausflügen seiner Großeltern auf die isländischen Gletscher erzählt, bekommt man ein Gespür dafür, welche Welt dort verloren geht. Listet er hingegen die globalen Kohlenstoffdioxidemissionen auf und schildert, wie viele Tonnen Erdöl – bildhaft übertragen – täglich den größten isländischen Wasserfall hinunterfließen, kommen harte Fakten auf den Tisch, und die Leser können buchstäblich mitrechnen. Dergestalt ist die Spannbreite des Buches enorm. Der Autor hat sich mit führenden Glaziologen ebenso über den Klimawandel unterhalten wie mit dem Dalai Lama. Er berichtet von globalen Klimaabkommen, den Hintergründen der Ozeanversauerung und der Korallenbleiche, um an anderer Stelle zu erzählen, dass sein Großvater als Arzt in den USA einst Robert Oppenheimer, den »Vater der Atombombe«, operiert hat – Anknüpfungspunkt für Magnason, um über den Anbruch des Anthropozäns zu berichten.

So weit gefächert wie die Inhalte des Buchs, so groß ist auch dessen stilistische Breite. Da finden sich ganz nüchterne Sätze wie »Die Vulkane der Erde setzen schätzungsweise 200 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr frei, die Menschheit im gleichen Zeitraum etwa 35 Milliarden«. An anderer Stelle heißt es »Die Tiere sind die Früchte der Erde, sie wachsen wie die Äpfel an den Bäumen. Wenn ein Baum verwelkt, trägt er keine Früchte mehr«. Dies macht das Buch aber in keiner Weise schwurbelig oder weniger lesenswert, es ist vielmehr eine gelungene Mischung aus Literatur, Populärwissenschaft und ein wenig (persönlich gefärbter) Geschichtsstunde. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

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