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»Weibliche Macht neu denken«: »Mother« statt »Mutti«?

Frauen besetzten noch immer zu selten machtvolle Positionen, so Eva Thöne in ihrer klugen Streitschrift. Sie zeigt, warum das so ist und wie sich das ändern könnte.

Merkel, Thatcher, Baerbock oder Sandberg (die Ex-COO von Facebook/Meta) – sie sind doch der Beweis dafür, dass es Frauen heute in machtvolle Positionen schaffen können, oder? Eva Thöne ist da anderer Meinung. Zum einen, so die Autorin, habe es einzelne mächtige Frauen schon immer gegeben, etwa Elisabeth I., Jeanne d’Arc oder die ägyptische Herrscherin Hatschepsut. Und auch wenn einzelne Frauen heute voller Selbstvertrauen eine große Karriere hinlegten und Macht erlangten, verlören Frauen insgesamt dennoch an Macht. Diese machtvollen Frauen könnten zwar als Vorbilder dienen – aber die Strukturen, die in der Regel verhinderten, dass Frauen in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit relevante Posten einnahmen, habe keine von ihnen verändert.

So beobachtet Eva Thöne in Bezug auf Frauenrechte und den weiblichen Zugang zu Macht sogar einen »Backlash«. Der vollziehe sich nicht nur in den USA, wo christlich-konservative Politik eine traditionelle Geschlechterordnung propagiere. Auch etwa in Deutschland 2025 seien Frauen in den Spitzenpositionen der Vorstände der 160 börsennotierten Unternehmen immer noch krass unterrepräsentiert, und »rechtsradikale« Parteien wollten Frauen gar »zurück an den Herd« schicken.

Die Journalistin Eva Thöne will nicht akzeptieren, dass Frauen schweigen, wenn es um Macht geht. Sie leitet inzwischen das Kulturressort des »DER SPIEGEL« und hat für die »Süddeutsche Zeitung« geschrieben. Entsprechend anspruchsvoll und komplex ist ihr Schreibstil, manche ihrer Gedankengänge erschließen sich erst beim zweiten Lesen. Dafür lockern Beispiele den Text immer wieder auf – wenn Thöne etwa vom starken Auftritt Beyoncés bei den »MTV Video Music Awards« berichtet, als die Künstlerin anprangerte, wie Mädchen klein gemacht würden, oder indem die Autorin auf die unerschrockene Kunstfigur »Wonder Woman« hinweist.

Kein relevanter Machtzuwachs für Frauen

Wenn Eva Thöne ihre Thesen formuliert, verweist sie auch auf die Menschen, die zu einem Thema oder einer Idee Relevantes gedacht und erforscht haben – dabei tauchen erstaunlich viele Frauen auf. Auch zu »#MeToo« äußert sich Thöne. Die Bewegung habe zwar feministische Erfolge erzielt, ihre Auswirkungen würden aber massiv überschätzt. »Es wurde viel geredet, gestreamt, gezeigt, aber offenbar zu wenig umgesetzt, gehandelt.« Da helfe es auch nicht, wenn Frauen in grauen Hosenanzügen versuchten, sich der Männerwelt anzupassen. Und selbst Kanzlerin Merkel konnte die ihr zugedachte Bezeichnung »Mutti« zwar in »Weltmutti« verwandeln, als sie die Grenzöffnung für Geflüchtete anordnete – konnte sich aber auch in dieser Fassung nicht mit diesem Spitznamen anfreunden, denn er war keineswegs nur liebevoll gemeint.

Einzelne »Heldinnen« retten die Welt nicht

Zwar tauchten, so Thöne, Frauen jetzt immer öfter auf Unternehmensfotos auf; das sei aber weniger ein Hinweis auf echte Veränderungen, sondern eher der Tatsache geschuldet, dass Firmen schlechte PR befürchten würden, wenn nur Männer in die Kamera lächelten. Selbst eine Frauenquote helfe eher den Personalabteilungen, inkompetente Männer auszusortieren, schreibt Thöne provokant. Dass es selbstbewusste Frauen gebe, Frauen mit großer Reichweite und entsprechender Sichtbarkeit, würde grundsätzlich nichts an den Möglichkeiten zur Teilhabe an Macht ändern. So seien auch Förderprogramme eher kosmetische Eingriffe, der Zugang für Frauen zur Macht bleibe meist nur eine Option unter Vorbehalt. Das zeige auch die Geschichte: Immer, wenn es machtpolitisch opportun erschien, hätten Frauen ihre zuvor erlangten Rechte wieder verloren. So hatten sich Frauen 1880 in Deutschland das Recht erkämpft, an Universitäten studieren zu können, um Lehrerinnen zu werden. Dann wurde im Deutschen Reich gut 50 Jahre später ein »Lehrerinnenzölibat« eingeführt: Wer heiratete, musste den Job aufgeben, um den Haushalt zu führen.

Selbst wenn Männer aus von ihnen verursachten Krisen nicht mehr heraus wüssten und dann Frauen eine Chance gäben, sei das für diese eher »eine gläserne Klippe« mit großer Absturzgefahr. So wie für Andrea Nahles, die 2018 den SPD-Vorsitz übernahm, oder Kamala Harris, die den greisen Joe Biden als Kandidatin für die US-Präsidentschaft ablöste. Beide Karrieren zeigten, so Thöne, dass Krisen zwar Machtchancen für Frauen eröffneten – aber die begünstigten Frauen müssten »dafür unfassbar auf Zack sein«. Es sei meist eher so, dass selbst die kompetenteste Frau in solchen Situationen von vornherein zur »Buhfrau« werde.

Da helfe nur eines: Wir müssten Macht an sich neu denken, fordert Thöne. Denn solange wir Macht mit einem »Faible für Heldentum« personalisierten, würden starke, charismatische Männer gewählt. Diesen Mechanismus sollten wir, so die Autorin, aushebeln und Macht weniger an Personen, sondern vielmehr an Themenbereiche und die mit ihnen verbundene Verantwortung koppeln. In einem Kommentar kurz nach Erscheinen ihres Buches schreibt Thöne, die Linken-Politikerin Reichinnek werde von ihren Fans als »Mother« bejubelt. Das sei etwas ganz anderes als die für Angela Merkel verwendete Bezeichnung »Mutti«, die eher an ein Hausmütterchen erinnere. Der Begriff »Mother« komme einer Mutterrolle näher, die einem anderen Machtbegriff zuzuordnen sei; einem, der eher auf Verantwortung denn auf Heldentum abziele.

Wie gesagt: Leichte Kost ist Eva Thönes Buch nicht. Dennoch lohnt es sich sehr, diese kluge und informative Streitschrift zu lesen – unabhängig davon, ob man jeder These der Autorin folgen möchte oder nicht.

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