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»Welten im Aufbruch«: Geschichte ist kein Schwarzes Loch

Kulturen sind über Raum und Zeit miteinander verwoben. Ausgehend von dieser Erkenntnis erzählt Raimund Schulz die Geschichte der Antike als Globalgeschichte.

Was bleibt, wenn geschichtliche Epochen einander ablösen? Verschwinden Lebenswelten, Staatskonzepte, Handelsbeziehungen und Religionen einfach, wenn neue gesellschaftliche oder ökologische Rahmenbedingungen entstehen, die ein neues Denken und Handeln erfordern?

Keineswegs, resümiert der Bielefelder Historiker Raimund Schulz am Ende seines Buchs über die Globalgeschichte der Antike – Geschichte sei kein Schwarzes Loch, in dem alles verschwinde. Tatsächlich wurde vieles von dem, was die Antike hervorgebracht hat, weiterentwickelt und ausgebaut, Handelsbeziehungen hatten Bestand, Kulturen blieben in Kontakt, bekämpften oder befruchteten sich.

Das aufregend Neue dieses Buchs liegt nun darin, dass Schulz die Geschichte der Antike in einen größeren geografischen Zusammenhang stellt, als dies sonst meist geschieht. Denn bei dem Wort »Antike« denkt man unwillkürlich zuerst an den europäischen und mediterranen Raum – nicht aber daran, wie eng die verschiedenen antiken Kulturen mit den asiatischen Räumen verbunden waren.

So führt der Ansatz der Globalgeschichte hier zu einem echten Erkenntnisgewinn, denn der Autor zeigt in seinem kompakten und gut erzählten Werk die zahlreichen Verflechtungen der antiken Wanderungsbewegungen und Reiche auf. In fünf großen, thematisch sortierten Kapiteln geht Schulz diese Aufgabe an. Während sich die ersten drei Kapitel dem Nomadentum, der Entstehung der Städte und der Entwicklung der Imperien widmen, nehmen die letzten beiden Kapitel eine Sonderstellung ein, weil sie in spezieller Weise die Wirtschafts- und Religionsgeschichte der Antike beleuchten.

Die Reise beginnt an einem ungewöhnlichen Ausgangspunkt, nämlich bei der bronzezeitlichen Sintaschta-Kultur, die sich an den südöstlichen Ausläufern des Urals entwickelte. Schon früh benutzte diese Kultur den von Pferden gezogenen leichten Kampfwagen mit Speichenrädern, und wie in anderen nomadischen Kulturen gab es wohl eine durch verwandtschaftliche Beziehungen bestimmte aristokratische Elite. Erstaunlich ist, dass diese Gemeinschaften auch richtige Festungen angelegt hatten, um ihre Weidegründe zu schützen.

Die Steppenkultur der Sintaschta wäre wohl eine Randnotiz in der Geschichte geblieben, wären nicht drei bemerkenswerte Entdeckungen gemacht und miteinander verbunden worden: Genetische Analysen und linguistische Forschungen führten in Kombination mit archäologischen Entdeckungen zu der These, dass die Bewohner dieser Region Protoindoiranisch gesprochen haben. Aus dieser Sprache heraus haben sich die indoiranischen Sprachen im Osten und die indoeuropäischen Sprachen im Westen entwickelt.

Die großen Fragen bleiben dieselben

Aber wie konnte die Sprache von ein paar wackeren bronzezeitlichen Steppenkriegern aus der Uralgegend eine derartige weltgeschichtliche Bedeutung erlangen? So weit reichend gar, dass das Avesta, die heilige Schrift der Zoroastrier, und der hinduistische Rigveda sich auf diese Kultur zurückverfolgen lassen? Und warum machten sich diese Steppenkrieger überhaupt auf den Weg?

In dem ausgesprochen erhellenden Unterkapitel »Junge Helden unterwegs« weist Schulz auf ein strukturelles Problem nomadischer Gemeinschaften hin, das dazu führte, dass immer wieder Menschen ihre angestammte Umgebung verließen: Es gab nicht für alle Jugendlichen die Möglichkeit einer Karriere als Familienoberhaupt. Auch waren Weidegründe begrenzt, Streitwagen und Waffen teuer. Als junger Mann konnte man auf die unsichere Gunst der Clanchefs hoffen, aber wenn man kein Erstgeborener war, hatte man wenig Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Ausweg für junge Leute bestand darin, sich zu Kriegerbanden zusammenzutun, mit eigenen Gesetzen und eigenen Ritualen. Sie zogen in die Welt hinaus, und aus solchen Aufbrüchen entstanden später Heldenepen, die sich weit über die Antike hinaus erhalten haben.

Die andere, unblutigere Variante der Veränderung war der Handelsaustausch – und dieser Handel war schon bei der Sintaschta-Kultur nicht auf den Nahbereich beschränkt, sondern reichte bis ins Donaugebiet, das durch Agrarkulturen geprägt war, sowie bis zu den Oasenkulturen im iranischen Hochland. Von diesem Startpunkt aus analysiert Schulz die Geschichte der Antike stets unter dem Aspekt der engen Verflochtenheit der sich entwickelnden Reiche in einem Raum, der von Nordeuropa bis hin nach China und Indien reicht. Für den Leser ist es spannend nachzuverfolgen, wie sich dabei die »Schubladen« auflösen, in die man die europäische Geschichte bisher meist einsortiert hatte.

Darüber hinaus regt das Buch auch zum Nachdenken über anthropologische Fragestellungen (im philosophischen Sinne) an. Denn bei der Lektüre bekommt man den Eindruck, dass sich die Fragen, mit denen sich Menschen in ihrer heutigen Lebenswelt beschäftigen, nicht substanziell von denen unterscheiden, die unsere Vorfahren schon vor über 3000 Jahren umgetrieben haben – die Frage nach der Macht, die Frage nach der Wirtschaft, die Frage nach dem persönlichen Glück oder dem Lebenssinn bleiben Konstanten. In diesem Sinn ist Geschichte nicht nur kein Schwarzes Loch – sie erzählt vielmehr eine »never ending story«.

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