»Weniger macht Schule«: Für eine Befreiung der Schule vom Ballast unnützer Reformen
Es dürfte im Schulbetrieb ein weit verbreitetes Gefühl sein: Einerseits wird der schulische Alltag durch immer mehr an Neuem zunehmend überfüllt – »Kompetenzorientierung«, »Individualisierung«, »Elternarbeit«, »Digitalisierung«, »Inklusionsarbeit« und »Qualitätsmanagement« mögen als Stichworte genügen; andererseits werden die einmal eingeführten Neuerungen kaum je wieder abgeschafft. Schulleistungsstudien zeigen aber, dass die Schulpraxis in den letzten zehn Jahren insgesamt nicht besser geworden ist – vielerorts ist sogar das Gegenteil der Fall. Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass die Qualität der »Reformdauerbaustelle Schule« nicht in demselben Maß steigt wie die Anzahl der Implementierungsversuche immer neuer Projekte und Standards?
Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling ziehen aus diesem Befund eine erfrischende Folgerung: Wäre es nicht an der Zeit, es einmal mit dem Gegenteil, das heißt mit einer umfangreichen De-Implementierung zu versuchen? Oder anders formuliert: Wie kann Schule aufhören das zu tun, was nicht funktioniert? Das Fazit sei an dieser Stelle vorweggenommen: Das Buch sollte zur Pflichtlektüre aller Lehrpersonen werden, die nicht lernen möchten, mit Stress besser umzugehen, sondern die weniger Stress erleben und sich wieder auf das Kerngeschäft der Schule konzentrieren wollen: den Unterricht.
De-Implementierung als anspruchsvoller Prozess
Nach einer kurzen Einführung (Kapitel 1) belegen die Autorin und der Autor anhand vieler Beispiele und Studien eindrücklich, dass der subjektive Eindruck, es gebe in der Schule immer mehr Aufgaben und Anforderungen, ohne dass dadurch die Qualität des Unterrichts steige, schlicht den Tatsachen entspricht (Kapitel 2). Ein Grund: Menschen neigen zu additiven Veränderungen und vermeiden so lange ein »Abschaffen«, bis sie explizit auf diese Möglichkeit hingewiesen werden.
Daraus leiten Wisniewski und Gottschling ihren Ansatz der De-Implementierung ab. Wie sie in Kapitel 3 ausführen, handele es sich bei De-Implementierung nicht einfach um das Gegenteil von Implementierung, sondern um einen eigenständigen, anspruchsvollen Prozess, bei dem es darum gehe, Qualitätssteigerung durch Entlastung zu erreichen. Dazu müssten Praktiken aufgegeben werden, die nicht wirksam, schädlich oder nicht länger nötig sind beziehungsweise zu denen es effektivere Alternativen gibt.
Dieser Vorgang sei keineswegs willkürlich, vielmehr sollten auf Mikro- (pädagogische Methoden, Umgang mit Lernenden), Meso- (Organisationsleitung, Schulleitung) und Makroebene (Bildungspolitik) Tätigkeiten auf der Grundlage von möglichst gut abgesicherten Belegen die systematisch entfernt werden. Es gehe also nicht einfach darum, frühere Entscheidungen zurückzunehmen, man wolle die aktuelle Schulpraxis vielmehr flexibel an neue Anforderungen anpassen und dadurch Ressourcen für Verbesserung und Innovation gewinnen.
Von Quantität und Qualität
Auch mögliche Hindernisse, die eine »Barriere gegen Veränderungen« erzeugen können, werden ausführlich thematisiert (Kapitel 4). Ein Problem: In einer Schule würden Regeln und Gesetze oft wie eine Grammatik angewendet – man denkt nicht über ihren Sinn und ihre Genese nach. Zudem herrsche vielerorts noch immer ein Einzelkämpfertum vor: Autonomie werde zwar grundsätzlich positiv beurteilt, führe in der Praxis für Lehrpersonen aber meist dazu, dass diese isoliert arbeiteten. Hinzu kämen Gefühle wie Schuld, Scham oder Angst, die generell begünstigten, dass Menschen an Sinnlosem festhielten. Hinderlich für einen De-Implementierungsprozess sei zudem, dass im Schulsystem Quantität oft als Indikator für Qualität diene. Da die individuelle Leistung einer Lehrperson schwer zu bestimmen sei, werde so die aufgewendete Zeit zum Leistungsbeleg. Engagement werde oftmals mit Wertschätzung gewürdigt, Effizienz hingegen erzeuge häufig Misstrauen.
Im ausführlichsten Teil des Buchs zeigen Wisniewski und Gottschling, wie De-Implementierung gelingen kann (Kapitel 5), und einen »Leitfaden zur praktischen Umsetzung« auf institutioneller und individueller Ebene (Kapitel 6) liefern sie gleich mit. Zunächst müssten dysfunktionale Praktiken identifiziert werden. Häufig handele es sich dabei um eingeführte Neuerungen, die zusätzliche Ressourcen erforderten, keine belastbare theoretische Begründung hätten und bei denen nach einer Evaluation kein oder nur ein geringer positiver Effekt festgestellt werden könne.
Ein Akt der Befreiung
Wenn De-Implementierung als institutioneller, strukturierter Schulentwicklungsprozess gelingen solle, müsse man nicht nur Personen, sondern auch Arbeitsbedingungen in den Blick nehmen. Die identifizierten Bereiche müssten dann nach sorgfältiger Planung unter Berücksichtigung möglicher Hürden, Hemmnisse und negativer Auswirkungen entfernt werden. Diese Entfernung gelte es dann aufrechtzuerhalten – wozu es meist unumgänglich sei, Kontext, Denkmuster und Gewohnheiten zu ändern, um einen Rückfall in alte Muster zu vermeiden. »De-Implementierung ist auch ein Akt der Befreiung von Bürokratie und überflüssigen Verordnungen. Sie hat verschiedene Ziele, aber sie dient in allererster Linie der sinnvollsten Nutzung unserer wichtigsten Ressource: Lebenszeit« (S. 138 f.).
Eine besondere Stärke des Buchs liegt darin, dass seine Aussagen gut belegt sind. Es verfügt über ein umfangreiches Literaturverzeichnis und führt zahlreiche Studien an. Nur an wenigen Stellen entsteht der Eindruck, dass der starke Akzent auf empirisch nachweisbarer Effektivität subjektive Faktoren etwas zu sehr in den Hintergrund drängt; etwa, wenn darauf hingewiesen wird, dass in Studien keine Verbesserung des Lernfortschritts durch eine Dekoration des Klassenzimmers festgestellt werden konnte (S. 61 f.). Daraus, dass keine direkte Beziehung zwischen Dekoration und Lernfortschritt belegt werden kann, zu folgern, dass man auf eine Dekoration gänzlich verzichten könne, wirkt eher wie ein Kurzschluss, der subjektive Aspekte des Wohlfühlens ignoriert.
Nach Jahren mit immer neuen Implementierungen im Schulbetrieb ohne nennenswerte Qualitätsverbesserungen gibt es wohl keinen Grund, es nicht einmal mit dem Gegenteil zu versuchen: auf Maßnahmen, Tätigkeiten, Programme und Gewohnheiten zu verzichten, die keinen nachweisbaren Nutzen haben, und gleichzeitig mit den frei werdenden Ressourcen in Bereiche zu investieren, auf die es tatsächlich und nachweisbar ankommt.
Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling plädieren für eine Atempause, die – nimmt man den Ansatz ernst – nichts anderes als eine Revolution wäre. Ob sich das Bildungssystem das wirklich leisten kann? Wahrscheinlich hätte es nichts nötiger.
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