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»Wenn alle wissen, dass alle wissen...«: Von Vertrauen kaum eine Spur

Kann das Konzept des gemeinsamen Wissens gesellschaftlichen Zusammenhalt beschreiben? Ja, meint Steven Pinker, argumentiert allerdings nicht ganz stringent. Eine Rezension

Als Antwort auf die Frage, was Gesellschaften zusammenhält und warum gegenwärtig viele scheinbar auseinanderfallen, werden oft die »Erosion der Wahrheit« oder die »Erosion des Vertrauens« angeführt. Während namhafte Soziologen wie Niklas Luhmann und Anthony Giddens im Vertrauen den maßgeblichen gesellschaftlichen Kitt sehen, wählt Steven Pinker einen anderen, einen spieltheoretischen Ansatz.

So ist von sinnstiftendem Vertrauen in Pinkers Buch wenig oder nur in Nebensätzen die Rede; selbst im ausführlichen Register kommt das Wort »Vertrauen« nicht vor. Der bekannte Evolutions- und Kognitionspsychologe der Harvard University vertraut weitestgehend der mathematischen Spieltheorie und dem Konzept des gemeinsamen Wissens (»common knowledge«). Dieses formulierten in den 1960er und 1970er Jahren unter anderem die Mathematiker Thomas Schelling und Robert Aumann, die dafür 2005 mit dem »Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel« ausgezeichnet wurden. Pinkers Buch lebt von einem grundlegenden Satz dieser Theorie: »Wenn alle wissen, dass alle wissen, und wissen, dass alle wissen, dass alle wissen«; er formuliert den Anfang einer mathematischen Reihe, die unendlich verlängert werden kann. Glaubt der Autor also, dass eine Gesellschaft allein auf »gemeinsamem Wissen« fußt?

Kann die Spieltheorie Alltagskommunikation beschreiben?

In Alltagsbeispielen wie misslingenden Verabredungen, dem berühmten Märchen vom nackten Kaiser sowie weiteren logischen Kalkulationen breitet Pinker diesen Grundgedanken in zahllosen Variationen aus. Ihr Facettenreichtum muss jeden Leser überfordern. Das wird schon im ersten Kapitel an dem Beispiel deutlich, in dem sich zwei miteinander eng befreundete Personen zum Kaffee verabreden, der Ort aber ungenannt bleibt, weil der Akku eines Mobiltelefons leer ist. Beide Personen kennen jeweils das bevorzugte Café des anderen. So bleibt offen, ob und in welchem Café sie sich treffen werden. Um dieses selbst konstruierte Alltagsproblem herum argumentiert Pinker seitenlang spieltheoretisch und spekuliert mit Wahrscheinlichkeiten.

Solche erfundenen Beispiele durchziehen das Buch selbst dort, wo Pinker sich mit gut konkretisierbaren Themen wie Altruismus oder Humor befasst. Die Kaskaden von »alle wissen, dass alle wissen, und wissen, dass alle wissen, dass alle wissen« werden vor allem in der ersten Hälfte des Buchs bei vielen Gelegenheiten aus dem Hut gezaubert. Zwar mögen intuitiv unausgesprochene Erwartungen und unbewusste Absichten über Gefühle und Normen in vielen Kontexten eine Rolle spielen. Aber wirklich fruchtbar wird das spieltheoretische Denken doch wohl eher mit Blick auf Börseninvestitionen oder Geldgeschäfte, in Szenarien der Politik oder Wirtschaft als im »normalen« Alltag.

Eine etwas schlingernde Argumentation

Vielleicht liegt das Problem von Pinkers Buch darin, dass er weder genau erklärt noch hinterfragt, was er unter »gemeinsamem Wissen« versteht. Er scheint jedenfalls vom Bild des rational und formallogisch denkenden Menschen auszugehen und sein Gesellschaftsmodell darauf aufzubauen. Allerdings ändert sich das in den letzten Kapiteln. In ihnen scheint sich der Autor vom eigenen Modell etwas ab- und mehr dem Alltagsverhalten der Menschen zuzuwenden, das unscharf, bunt, unsystematisch und selten genug explizit begründet ist. So zeigt Pinker im Kapitel über Cancel Culture, wie die Zunft der Professoren bereit ist, Forschungsfragen aus vermeintlich moralischen Gründen zu unterdrücken, weil sie befürchtet, die Antworten könnten schädlich für die Gesellschaft sein. Dabei ignorierten sie, dass gerade ihre Profession Offenheit für jegliche Fragen und Antworten fordere und sie genau dafür bezahlt würden.

Im Schlusskapitel geht Pinker auf den Gegensatz »Radikale Ehrlichkeit, rationale Heuchelei« ein. Da kommt Vertrauen dann doch plötzlich ins Spiel: »Ja, sobald die Möglichkeit, dass verbreitet betrogen wird, gemeinsames Wissen ist, verabschieden wir uns von den warmherzigen Beziehungsmodellen, die auf Vertrauen gebaut sind, und wenden uns kaltherzigen formellen Märkten und anderen rational-legalen Institutionen zu, wo jede Regel gemeinsames Wissen ist.« Das verwundert etwas – denn argumentiert Pinker nicht selbst vor allem im Sinne des »Kaltherzigen«, Rationalen?

Anstatt manch konstruierten Alltagsbeispiels hätte man sich eine genauere Betrachtung von Falschmeldungen und Bullshit in sozialen Medien gewünscht oder eine Analyse politischer Maßnahmen und ihrer Kommunikation während der Pandemie. Hier hätte sich eine Diskussion der Frage als fruchtbar erweisen können: Was ist zuerst verloren gegangen – das Vertrauen oder das gemeinsame Wissen?

Selbst wenn das Buch zumeist leicht lesbar und verständlich ist, überfordert seine Weitschweifigkeit. Es breitet eine Unmenge von Studien zu Nebenakzenten aus, wo die Erwähnung von einer oder zweien genügt hätte. Es erzählt Anekdoten und plaudert in einer Weise, wie sie in einem Roman sicher besser aufgehoben ist. Weniger wäre hier mehr gewesen.

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