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Irren ist menschlich

Menschliche Fehlbarkeit und Fallibilismus als erkenntnistheoretische Überzeugung.

Wer hat noch nie sein Smartphone gesucht und, obwohl er sicher zu sein glaubte, wo es sich befinden müsse, es schließlich erst nach einem Anruf über das Festnetz anhand des Klingelns lokalisiert? Wir irren täglich, vielfach, unabsichtlich, gedankenlos, zufällig, und dennoch wissen wir eine Menge von den Dingen, die uns umgeben. »Wir sind offenbar Wesen, die nicht immer aus eigener Kraft sicherstellen können, dass etwas, was wir mit Gründen für wahr halten, auch wahr ist«, schreibt der Philosoph Geert Keil in diesem Buch.

Keil, Professor für Philosophische Anthropologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit September 2018 Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie, geht in dem gerade einmal 90 Seiten dünnen Werk unseren Irrtümern nach. Er durchleuchtet die menschliche Fehlbarkeit, indem er Begriffe genau analysiert, die wir verwenden. Es geht ihm nicht um Lügen oder absichtliche Täuschungen, sondern darum, »worin genau sich Lügen, Täuschungen und Tatsachenverdrehungen von Irrtümern unterscheiden«. Irrtümer geschehen demnach »nicht absichtlich, sie unterlaufen uns«.

Fallibilisten und Skeptiker

Die Analyse des Autors gilt Fragen wie der, ob die »Fehlbarkeit ihren Grund in der menschlichen Natur hat oder anderswo« und wie der Fallibilismus (die erkenntnistheoretische Überzeugung, dass Irrtümer immer möglich sind und es keine absolute Gewissheit gibt) mit einer bestimmten Wahrheitsauffassung zusammenhängt. Das Buch hinterfragt, was den Fallibilisten vom Skeptiker unterscheidet, warum wir selbst dann »irrtumsanfällig [sind], wenn wir uns aufrichtig und mit größter Sorgfalt bemühen, etwas herauszubekommen« und wie »das Erste Vatikanische Konzil zu der Auffassung gelangen [konnte], dass genau ein Unfehlbarer unter uns wandelt«.

Keil erzählt vom Fallibilismus, indem er dessen Wortgeschichte folgt. So war noch im 19. Jahrhundert Fehlbarkeit mit moralischer Bedeutung aufgeladen (geirrt = sündig = moralisch verfehlt). Den Begriff »Fallibilismus« führte der Philosoph Charles Sanders Peirce (1839-1914) ein; heute ist er vor allem nach Karl Poppers (1902-1994) Werk »Logik der Forschung« in den Naturwissenschaften Standard: Eine Theorie gilt grundsätzlich als vorläufig und ist immer wieder zu prüfen, bis eine bessere gefunden ist.

Fehlbar, so der Autor, sind nicht Theorien, Aussagen, Behauptungen oder Methoden, fehlbar ist nur der Mensch: »Menschen sind in allen ihren Erkenntnisbemühungen fehlbare Wesen (…) Menschen besitzen keine wahrheitsgarantierenden Rechtfertigungen.« Keil weist die epistemische Wahrheitsauffassung zurück, der zufolge eine Aussage wahr ist, die unter idealen Bedingungen gerechtfertigterweise für wahr gehalten wird. Stattdessen bevorzugt er eine realistische Wahrheitsauffassung, in der Wahrheit und Fürwahrhalten auseinanderfallen. »Wahr zu sein ist überhaupt kein Wesen, das etwas tun könnte, sondern eine Eigenschaft von Aussagen.« Verschiedene Aussagen scheiden als »nicht wahrheitsfähig« aus seiner Analyse aus: Geschmacks- und moralische Urteile, Aussagen über Zukünftiges, politische Überzeugungen, perspektivenabhängige Urteile sowie Glaubenssätze. Mit ihnen befasst er sich nicht weiter, sondern nur mit Aussagen, die prinzipiell fehlbar sind, also »nicht gegen Irrtümer gefeit«.

Anders ausgedrückt lautet Keils These: »Wahrheit ist nicht das, was wir sicher treffen, wenn wir gut begründete Überzeugungen haben, sondern das, was wir verfehlen können, obwohl wir gut begründete Überzeugungen haben.« Anhand einleuchtender Beispiele plädiert er für Demut angesichts menschlicher Fehlbarkeit. Sehr anschaulich demonstriert er das am Fall des »Heilbronner Phantoms«, als Polizei, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt zwischen 1993 und 2009 zahlreiche Verbrechen untersuchten, bei denen stets übereinstimmende DNA-Proben auftauchten. Trotz aller Sorgfalt übersahen sie einen »blinden Fleck« am Anfang der Indizienkette: Alle DNA-Proben stammten von der Mitarbeiterin eines Verpackungsbetriebs, von dem die Ermittler ihre Abstrichbestecke bezogen. Die Frau hatte vorschriftswidrig keine Handschuhe getragen und beim Verpacken die für die Spurensicherung verwendeten Wattestäbchen mit ihrer DNA verunreinigt.

Keils Buch ist uneingeschränkt allen zu empfehlen, die sich mit der Natur menschlicher Fehlbarkeit befassen wollen. Es ist beileibe kein philosophisches Fachbuch, obwohl darin »einige erkenntnistheoretische Überlegungen eingeschmuggelt (sind), die zu gelehrtem Streit einladen«. Das Werk ist leicht und sehr gut verständlich geschrieben, sollte aber sorgfältig und genau gelesen werden, um den größten Gewinn daraus zu ziehen.

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