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Diagnose auf Distanz

Der Fall Donald Trump sei so eindeutig, dass es geboten sei, vor ihm zu warnen, meinen 27 Psychiater und Psychologen.

Die so genannte Goldwater-Regel besagt, es sei unredlich, den Geisteszustand von Personen des öffentlichen Lebens per Ferndiagnose zu beurteilen. Sie geht auf den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater zurück, der 1964 die Wahl verlor, nachdem Psychiater ihm in einem Magazinartikel unter anderem Narzissmus, Paranoia sowie eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert hatten, ohne je mit ihm gesprochen zu haben. Ein Gericht verurteilte die Zeitschrift daraufhin wegen Verleumdung, und die American Psychiatric Association erließ die neue Regel.

Aktuelle Ereignisse veranlassen Fachleute nun, diese ethische Maxime zu brechen. Der Fall des 2017 vereidigten US-Präsidenten Donald Trump sei so eindeutig, meinen sie, dass man sich verpflichtet sehe, eine Ausnahme zu machen. Mit dem Werk »Wie gefährlich ist Donald Trump?« wollen sie gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen und vor einem Mann warnen, der an den Hebeln der Macht nichts verloren habe. Von ihm könne, so Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth im Vorwort, womöglich »eine Gefahr für das Wohl des Landes oder gar für den Weltfrieden ausgehen«. In 27 Stellungnahmen äußern renommierte Psychiater und Psychologen ihre Zweifel an der Amtstauglichkeit des Präsidenten.

Extremer Gegenwarts-Hedonist?

Psychologe Philip Zimbardo, Schöpfer des berühmten Stanford-Prison-Experiments, macht den Anfang. Er betont, es gehe ihm nicht darum, eine Diagnose zu stellen, sondern auf klar beobachtbare Verhaltensweisen aufmerksam zu machen. Er spricht von herablassender Haltung, groben Übertreibungen bis hin zu dreisten Lügen, Tyrannei und Schikane, Eifersucht, mangelnder Empathie und einem fragilen Selbstwert – alles Anzeichen für ausgeprägten Narzissmus.

Zimbardo führt aber auch weniger augenfällige Beispiele wie Trumps Konzept von Zeit an. So bezeichnet er ihn als »extremen Gegenwarts-Hedonisten«, der ausschließlich im Augenblick lebe, nach Lust strebe, stets auf der Suche nach dem nächsten Kick sei und Unangenehmes um jeden Preis zu vermeiden versuche. Solche Persönlichkeiten neigten dazu, die langfristigen Konsequenzen ihres Handelns auszublenden – das wäre eine fatale Einstellung für jemanden, der über die Zukunft des Planeten mitbestimmt.

Viele der Experten sind sich bewusst, auf welch heiklem Terrain sie sich bewegen, und erkennen den Sinn der Goldwater-Regel an. Sie thematisieren dieses Problem und setzen sich differenziert damit auseinander. Andere gehen da weiter. Der Psychologe Michael J. Tansey legt anhand spezifischer Äußerungen aus einer Rede Trumps nahe, dieser leide möglicherweise an einer wahnhaften Störung, die ihn für das Amt des Präsidenten vollkommen ungeeignet mache. Menschen mit Wahnideen gäben ihre Überzeugungen trotz unbestreitbarer Fakten nicht auf, seien häufig extrem dünnhäutig und humorlos, wobei der Inhalt der Wahnideen in der Regel nicht bizarr sei wie bei einer typischen Psychose. Als Gründe für die von Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016 geäußerte Bewunderung für Kim Jong Un, Bashar al-Assad und Wladimir Putin sieht Tansey dessen Paranoia und Größenwahn. Der amerikanische Präsident träume selbst von absolutistischer Macht.

Die letzten Kapitel befassen sich damit, wie Trump mit diskriminierendem und frauenfeindlichem Verhalten zu Verrohung und Hysterie in der Gesellschaft beitrage. Insgesamt ziehen die Autoren – unter ihnen weitere bekannte wie Noam Chomsky – eine düstere Bilanz. Trotz der beunruhigenden Materie ist das Buch durchweg fesselnd, auch für Laien verständlich und bietet neue, überraschende Einblicke in ein Thema, über das man eigentlich nichts mehr hören mag. Die Frage ist allerdings: Was kann so ein Band ausrichten? Trumps Anhänger wird er nicht umstimmen, denn die haben den Immobilienmogul nicht trotz seines unkonven­tionellen Auftretens gewählt, sondern deswegen.

2/2019 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2019 (März/April)

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