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Ausgerechnet: Der Fußabdruck von allem

Von Banane, Goldfisch, Beerdigung oder Weltkrieg: Der Physiker Mike Berners-Lee rechnet nachvollziehbar aus, was wie viel Kohlenstoffdioxid verbraucht.

Seitenzahlen haben meist keinen Bezug zum Inhalt. Doch im Buch des Physikers Mike Berners-Lee zeigen sie – wenn auch indirekt – den Verbrauch von CO2 an. So beginnt er auf Seite 25 mit 0,2 Gramm für ein Pint (etwa 473 Milliliter) voll mit Leitungswasser, auf Seite 56 kommen schon über 300 Gramm für drei Minuten Duschen zusammen, und auf Seite 137 findet sich eine Tonne für ein künstliches Hüftgelenk. Bis der Autor auf Seite 177 mit der monströsen Zahl von drei Milliarden für den »militärischen Stiefelabdruck« schließt.

Klimabilanz von Katzen bis Knie-OP

Berners-Lee hat die Kapitel, in denen er für verschiedene Dinge den CO2-Verbrauch beziffert, den Werten nach angeordnet. Sie starten mit »Unter 10 Gramm«, gefolgt von »10 bis 100 Gramm« und so weiter, bis er bei Milliarden Tonnen für Flächenbrände, Ruß und eben Kriege landet.

Ob Getränke, Tiere, eine E-Mail, ein neues Schlafzimmer, Flüge in den Weltraum – es macht Spaß nachzusehen, ob eine SMS oder ein Brief mehr Klimagase verursacht oder wie viel im Vergleich ein Goldfisch, ein Dobermann und ein Kaninchen verbrauchen. War man vielleicht noch über den CO2-Beitrag von 0,2 Gramm für Leitungswasser erstaunt, so sind es für einen Liter Wasser aus der Flasche schon rund 400 Gramm. Am Anfang jedes Abschnitts listet Berners-Lee die Zahlen einer ähnlichen Kategorie auf, wie lokales Fassbier, lokales Bier in Flaschen oder importiertes Flaschenbier. Anschließend berichtet er nachvollziehbar, wie man die Werte berechnet, und gibt alle dazugehörigen Quellen an.

Relativ früh taucht die titelgebende Banane auf, die mit 110 Gramm pro Stück überhaupt nicht so schlimm ist, wie der Autor schreibt. Sie wird unter natürlichem Licht angebaut, hält sich lange und verbraucht kaum Verpackung. Ein Apfel kann da schon mehr Klimagase verursachen und kommt locker auf die dreifache Menge, wenn er nicht vom eigenen Baum oder lokal und saisonal geerntet wird. Denn bei einem importierten Apfel außerhalb der Saison gehen neben dem Flugtransport auch Kühlung und Lagerung mit in die Bilanz ein.

Die Apfel-Studien zeigen beispielhaft, wie genau man hinschauen sollte. Denn die Untersuchungen aus Neuseeland kommen auf andere Zahlen als die aus Großbritannien. Trotz Flugtransport sollen die nach Großbritannien eingeflogenen Äpfel immer noch eine bessere Klimabilanz haben. Die Neuseeländer berücksichtigen dabei (aus eigenem Interesse), dass in der britischen Landwirtschaft mehr fossile Brennstoffe eingesetzt werden. Damit hat der lokale Apfel in Großbritannien unter Umständen eine schlechtere Bilanz als der importierte.

An einigen Beispielen verdeutlicht Berners-Lee, wie unterschiedlich die Klimabilanz für die Produktion von einer Kilowattstunde elektrischem Strom in verschiedenen Ländern ist. Die Spanne reicht von 9 Gramm für eine Kilowattstunde in Island über 530 Gramm in Deutschland bis hin zu mehr als einem Kilo in Australien. Dabei ist es nicht immer entscheidend, den präzisen Wert zu finden. Allein den Gedankengängen zu folgen und nachzuvollziehen, was in der jeweiligen Lieferkette wichtig ist und zur Klimabilanz eines Produkts beiträgt, ist spannend. So zählt bei Flugzeugen oder den aktuellen Weltraumflügen nicht nur das reine Kohlendioxid, das für den Bau und beim Flug verbraucht wird. Wichtig sind auch die Orte, an denen es freigesetzt wird: Denn die Treibhausgase wirken in der Höhe deutlich schlimmer – deshalb sollte die Menge an Klimagasen von Flugzeugen einen Aufschlag von 1,9 erhalten.

All der Zahlen und Quellen zum Trotz muss der Autor manchmal gewisse Größen auch schätzen. Sein Ziel ist es, grundsätzlich ein Gefühl für die Klimabelastung einzelner Dinge aufzubauen. Besonders schwierig ist es, den CO2-Fußabdruck von Kriegen gegen Ende des Buchs abzumessen; hier kann er nur sehr grob überschlagen. Dabei geht er nicht wie in den anderen Kapiteln ins Detail, gibt aber wie immer eine Quelle an. So bemerkt die Studie des Projekts »Cost of War« an der Brown University, dass alle Kriege der Welt insgesamt sechs Prozent der globalen Emissionen ausmachen und dass das US-Verteidigungsministerium »der weltgrößte institutionelle Verbraucher von Erdöl und (…) Treibhausgasen weltweit ist«.

Berners-Lee listet nicht nur buchhalterisch die Zahlen auf, sondern ordnet sie ein, berichtet über wissenswerte Details: von negativen Emissionen, wie sinnvoll sie sind oder über umweltfreundliche Projekte. Damit ist ihm ein rundum lesenswertes Buch gelungen, das die Neugier anfacht, selbst zu stöbern und dabei Neues auf unterhaltsame Art zu entdecken.

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