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Das Unsichtbare wird sichtbar

Auf den Physiker Wilhelm Conrad Röntgen geht nicht nur die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlung zurück. Er hinterließ auch eine an Ortswechseln reiche Biografie. Angesichts des 125-jährigen Jubiläums seiner Entdeckung begeben sich die Autoren eines speziellen Reiseführers auf Röntgens Spuren.

Ein »verstaubter Akademiker«, der an seinem Schreibtisch und in seinem Labor lebte, war der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845–1923) sicher nicht. Im Gegenteil: Der Entdecker der X-Strahlen – im deutschen Sprachraum schon bald Röntgenstrahlen genannt – zählte das Reisen »zu den besten und wirksamsten Bildungsmitteln«. Auch er machte von diesem Mittel Gebrauch, wie seine Biografie durch viele Ortswechsel zeigt. Angesichts der Tragweite seiner Entdeckung, für die er 1901 den ersten Nobelpreis für Physik erhielt, kommen heute noch zahlreiche weitere Orte wie Denkmäler, Museumssammlungen oder moderne Forschungseinrichtungen hinzu.

Ein ungewöhnlicher Reiseführer

Uwe Busch vom Deutschen Röntgenmuseum Remscheid und Wilfried Rosendahl von den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim haben dazu einen reich bebilderten Sammelband herausgegeben. In seinem Grußwort spricht Gerald Antoch, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, sogar ausdrücklich von einem »Röntgen-Reiseführer«. Insgesamt 29 Fachautoren begeben sich darin in sechs Kapiteln mit über 50 Einzelbeiträgen auf Spurensuche.

Dazu beschreiben sie zunächst Orte seiner Biografie. Die Darstellung führt von Röntgens Geburtshaus in Lennep über seine Jugend in Appeldoorn und Utrecht bis zu seinem 1865 in Zürich begonnenen Studium. Dort pflegte er einen fast dandyhaften Lebensstil und verkehrte in der Gaststätte »Zum grünen Glas«. Die Tochter des Wirts, der eine akademische Bildung besaß, wurde später Röntgens Frau. Es folgen die Wohn- und Arbeitsorte seiner akademische Anstellungen in Straßburg, Stuttgart und Gießen.

Am physikalischen Institut der Universität Würzburg gelang Röntgen 1895 seine bahnbrechende Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen. Sie fanden schnell Anwendung in der Medizintechnik, um Knochen oder Organe sichtbar zu machen – Dinge, die zuvor unter einer geschlossenen Oberfläche verborgen waren. Inzwischen sind noch viele Nutzungsbereiche hinzugekommen, etwa bei Kofferkontrollen an Flughäfen.

An die Universität München wechselte Röntgen 1900, wo er als passionierter Jäger ein Jagdhaus im oberbayerischen Weilheim unterhielt. Selbst nach seinem Tod im Jahr 1923 erfolgte noch ein Ortswechsel: Denn beerdigt wurde Röntgen in der Familiengrabstätte auf dem Zentralfriedhof in Gießen. In der Gesamtschau geben die Ortsbeschreibungen ein Porträt des Menschen Wilhelm Conrad Röntgen.

Die anschließenden Kapitel widmen sich verschiedenen Gedenk- und Gedächtnisorten sowie Museen und Sammlungen, die sich mit Röntgen und seiner Arbeit befassen. Es folgen kurze Beschreibungen wichtiger Institutionen, die heute mit weiterentwickelter Röntgentechnik Hightechforschung betreiben. Dabei stellen die Autoren beispielsweise die Anwendung der Strahlen im Helmholtzzentrum Berlin vor, im Fürther Fraunhofer Entwicklungszentrum für Röntgentechnik, im Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg oder den Röntgenlaser des European XFEL (X-Ray Free-Electron Laser) in Schenefeld und Hamburg. Die Anlage gilt als einer der weltweit modernsten Röntgenlaser und ermöglicht Einblicke in die Nanostrukturen von Molekülen. Auch hier wird das für die menschlichen Sinne zunächst Verborgene sichtbar gemacht. Zwei kürzere Kapitel über die künstlerische Nutzung der Röntgentechnik sowie über Routen historisch belegter Reisen des Wissenschaftlers runden das Buch ab.

Mit ihrem geografischen Ansatz haben die Herausgeber und Autoren eine eher ungewöhnliche Art gewählt, sich der Person und der Wirkungsgeschichte Röntgens zu nähern – was ihnen aber hervorragend gelungen ist. Das Werk liefert Ergänzungen zu populärwissenschaftlichen biografischen Darstellungen, die sich meist stärker auf seine akademische Karriere beziehen.

Auch dieses Buch ist populärwissenschaftlich geschrieben und mit seiner Gliederung sowie den jeweils nur zwei Seiten umfassenden Darstellungen klar strukturiert. Die Texte sind anschaulich geschrieben und mit über 120 Abbildungen reich bebildert. Dabei zieren den biografischen Teil auch Schwarz-Weiß-Fotografien, die Röntgen als begeisterter Amateurfotograf selbst aufgenommen hat. In manchen Fällen hätten man sie allerdings größer abbilden sollen, damit sich die darauf befindlichen Personen und weitere Einzelheiten besser erkennen lassen.

Das Buch bietet die Möglichkeit, sich ohne größere Vorkenntnisse in die Biografie Röntgens einzulesen. Dabei muss man jedoch beachten, dass die Darstellungen wegen des begrenzten Seitenumfangs nicht allzu sehr in die Tiefe gehen. Leider fällt auch die zufällige Entdeckungsgeschichte der X-Strahlen etwas kurz aus. Die Kapitel enthalten aber kompakte Angaben zu weiterführender Literatur und Internetseiten.

Als technik- und wissenschaftshistorisch interessierte Leser und Sammler (etwa von Röntgenröhren) kann man das Buch durchaus als eine Art Reiseführer nutzen. Allerdings werden sich wohl nicht allzu viele Menschen gezielt auf die Spuren dieses speziellen Themas begeben. Doch wie zahlreiche herkömmliche Reiseführer besitzt auch dieser einen Marketing-Effekt: Wer sich weiter mit der Thematik befassen möchte, kann nicht zuletzt die beschriebenen Museen und die Besucherzentren der Forschungseinrichtungen aufsuchen. Denn Reisen bildet noch heute. Jedoch wäre angesichts der Vielzahl abgehandelter Orte ebenso eine geografische Übersichtskarte wünschenswert gewesen.

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