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»Wir Krisenakrobaten«: Die Kunst des Psychologisierens

Der Psychologe Stephan Grünewald bietet bei seinem Blick auf unsere aktuelle Krisenbewältigung mehr Eloquenz als Empirie.

Stephan Grünewald ist Gründer und Managing Partner des Kölner Instituts »rheingold«, das im Auftrag von Firmen und Institutionen rund 200 Interviewstudien im Jahr erstellt. Auf Daten aus solchen Untersuchungen stützt er die Gesellschaftsporträts, die er regelmäßig in seinen Büchern zeichnet – so auch in diesem.

Angesichts der reichen sozialwissenschaftlichen Forschung erscheint diese Perspektive sehr eng. Eine empirisch umfassende Analyse scheint jedenfalls nicht Grünewalds Ziel zu sein. Stattdessen beginnt er bereits auf der zweiten Seite seines Buchs das Witzeln: Der ehemalige »Wetten, dass …?«-König Thomas Gottschalk, Lichtgestalt einer untergangenen Zeit, sei »Gott und Schalk zugleich« gewesen.

In diesem Stil geht es weiter: Grünewald benutzt Sprache als Spielmaterial für psychologisierende Deutungen. Die Maskenpflicht in der Pandemie haben viele als (aufgepasst!) »Bevormundung« empfunden, und online regiere der »digitale Appsolutismus«. In einer »privaten Bodenoffensive« hätten Home-Office-Mütter während der Coronapandemie angefangen, wie wild die Wohnung zu wienern, während ihre Männer »schneller Herdimmunität als Herdenimmunität« erworben hätten. Der schwer kalkulierbare Kanzlerkandidat Merz bewegte sich »zwischen Blackrock und Blackbox«, im Netz Kochrezepte zu inszenieren, sei »Essthetisierung«, und Schönheitscremes dienten als Mittel gegen die eigene »Dünnhäutigkeit«. Es ließen sich noch zahllose Beispiele dieser Art anfügen.

So führt uns Grünewald Seite für Seite durch eine – um es im Stil des Autors zu sagen – Krisenpolonaise. Sein Buch besteht aus mehr als 100 Sinnabschnitten, keiner länger als drei Seiten, die alles streifen, was in den letzten Jahren »Krise« war oder es bis heute ist: neben Pandemie und Klimawandel auch die durch Putin ausgelöste Energiekrise, das Heizungsgesetz, die Bildungsmisere, Bürokratismus, marode Infrastruktur, Migration, Inflation, Mietenexplosion, Trump, KI, AfD … und so weiter. Die Coronazeit nimmt breiten Raum ein, wobei sich die vom Autor gelobten »Strategien der Ohnmachtsabwehr« als Puzzeln, Putzen und Rückzug ins Private entpuppen.

Die Simulation von Tiefe

Man fragt sich, was an Grünewalds sogenannten Tiefeninterviews eigentlich »tief« ist. Im üblichen Sprachgebrauch bezeichnet das Adjektiv unbewusste seelische Regungen, die es zu enthüllen gilt. Doch Grünewald unterfüttert seinen Diskurs lediglich mit Prozentzahlen aus Umfragen und Interviews, in denen die Betreffenden offen »alles sagen durften«. Eine Binse.

In einer Fußnote erfährt man, der gewählte Ansatz basiere auf der »morphologischen Psychologie« von Wilhelm Salber (1928–2016), einem akademischen Ziehvater Grünewalds. Allerdings bewegt sich Salbers kreative Ausdeutung von Alltagshandlungen weit außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams; aus Sicht empirischer Sozialforscher handelt es sich bei diesem Ansatz um nicht viel mehr als einen eloquenten Wort- und Formenzauber.

Davon ist auch dieses Buch beseelt. Eine klare Position, ein überraschender Befund oder ein durchdachter Vorschlag? Fehlanzeige! Stattdessen bemüht der Autor wiederholt das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, in dem sich vier altersschwache Tiere, hübsch aufeinandergestapelt, ihrer Stärken besinnen. Ihre Kraft liegt im Gemeinsamen, und so preist Grünewald am Ende jene Verbundenheit, welche die »gestaute Bewegungsenergie« unserer Gesellschaft entfesseln könne.

Wie Akrobaten in der Manege sollten wir darauf vertrauen, vom anderen aufgefangen zu werden, um den »Sprung ins Ungewisse« zu wagen. Was das konkret bedeutet und wie das gehen soll – angesichts multipler Ängste und wachsender Konsensunfähigkeit, die Grünewald selbst zuvor 200 Seiten lang rekapitulierte –, bleibt offen.

Vermutlich ging es dem Autor weniger darum, Lösungswege aufzuzeigen, als vielmehr darum, beim nächsten Smalltalk zitierfähige Gewitztheit zu ermöglichen. Nun denn, lüften wir gemeinsam den »Verdrängungsvorhang« und fühlen wir uns im Miteinander »dreifach aufgehoben«: aufgerichtet, erhöht und gehalten. So schön kann sich blumige Rhetorik anfühlen.

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