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»Wir sind Dynamit«: Ein Megafon für die Leisen

Juliane Marie Schreiber, selbst »Innenmensch«, schreibt für die eher Introvertierten und gibt somit denjenigen eine Stimme, die sie sonst nicht erheben.

»Wir sind Dynamit« ist Juliane Marie Schreibers drittes Buch. Die Politologin und Publizistin ist selbst eher nach innen gewandt, bezeichnet sich allerdings lieber als »Innenmensch«, da »introvertiert« für sie mit zu vielen negativen Assoziationen behaftet ist. »Innenmenschen« seien, so die Autorin, nicht grundlegend menschenscheu, sondern lediglich selektiv gesellig. Doch wie auch immer man sie bezeichnet: Eher leise Menschen werden in der heutigen Gesellschaft oft argwöhnisch betrachtet und schnell übergangen.

Denn in einer Welt der Selbstdarstellung gehen jene unter, die sich nicht selbst darzustellen wissen oder dies schlichtweg nicht möchten. Bereits im Kindergarten wird Verhalten daraufhin beobachtet, und Eltern bekommen dann die Rückmeldung, ihr Kind sei still, schüchtern und brauche mehr Freunde. In der Schule wird dann mitunter regelrecht Druck ausgeübt – es gilt als wünschenswert, laut und präsent zu sein; mündliche Mitarbeit, Gruppenarbeit oder Präsentationen werden systematisch aufgewertet. Und wer sich später auf einen Job bewirbt, sieht sich mit der Aussage konfrontiert, dass »die Chemie nicht stimmt« – und das nur, weil der Händedruck vielleicht nicht kräftig genug und der Schritt beim Betreten des Raums nicht fest genug war. Lautstärke wird mit tatsächlicher Stärke, nämlich Charakterstärke, verwechselt. Dabei sind es oft die stilleren Zeitgenossen, die Schönes und Innovatives hervorbringen – man denke an Archimedes, Paul Cézanne, Marie Curie, Alan Turing oder Steve Wozniak. Selbst unter Göttern seien Innenmenschen eher Außenseiter, schreibt die Autorin – ein Gott wie Hephaistos gelte als »Nerd« mit wenig »erotischem Potenzial«.

Gruppenarbeit als »Höllenkreis« für Introvertierte

Schreiber verbindet Witz mit Wissen. Zu Beginn führt sie, angelehnt an Dante Alighieris »Göttliche Komödie«, durch die fünf »Höllenkreise« von Gruppenarbeit, Zoom-Meetings, Vorstellungsrunden, Großraumbüros und Teambuildings. Sie zeigt, warum Gruppenarbeit zwar möglich sei, aber sehr oft nicht die gewünschten Ergebnisse in angemessener Qualität hervorbringe. Weiter beschreibt sie, wie heutzutage Extrovertierte die Innenmenschen immer weiter aus ihren Rückzugsorten herausdrängen, wodurch ihnen die für sie notwendige Ruhe und Abgeschiedenheit abhandenkommt.

Als Politologin analysiert Schreiber Regierungsstrukturen, Menschen in Machtpositionen und die ihnen zugrunde liegenden Kulturen. Zudem widmet sie sich psychologischen Kategorien, darunter den als »Big Five« bekannten Persönlichkeitsfaktoren, sowie anderen Schematisierungen von Persönlichkeit: etwa der Lehre der vier Säfte nach Hippokrates und Galen, typisierenden Persönlichkeitstests wie DISC oder MBTI – oder auch dem sprechenden Hut von Harry Potter. Dabei wird klar: Einerseits lieben wir es, uns und andere in Kategorien einzusortieren, andererseits lässt sich die menschliche Realität oft besser über Spektren beschreiben, die sich wiederum schlecht in »Schubladen« packen lassen.

Wortgewandter Klartext

Ehrlich, ironisch und an mancher Stelle verzweifelt: Juliane Marie Schreiber öffnet sich bei »ihrem« Thema in einer Weise, die berührt. Man hat das Gefühl: Dieses Buch ist zutiefst menschlich und zugleich dringend notwendig. Es ist nicht nur unterhaltsam und lehrreich, sondern rüttelt wach und spricht so für diejenigen, die häufig ungehört bleiben und denen mehr Wertschätzung gebührt. Schreiber vermittelt die Dringlichkeit ihres Anliegens, ohne dabei missionarisch zu wirken – auch dank einer gekonnt eingesetzten Ironie.

Den Abschluss dieses »Manifests für Introvertierte« bildet die »Danksagung eines Innenmenschen«. Hier dankt Schreiber unter anderem Kopfhörern mit »Noise Cancelling«, Mikrowellenreis und einer Playlist mit Ambientemusik. Sie scheint zu leben, worüber sie berichtet: Zeiten des produktiven und kreativen Alleinseins, in denen sie etwas erschafft.

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