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Aus der Krankheit eine Waffe

Im Februar 1970 besetzten Patienten die Verwaltungsräume der Heidelberger Poliklinik. Mit Hungerstreiks protestierten sie gegen die Entlassung ihres Psychiaters Wolfgang Huber. Der 21-jährige Medizinstudent Christian Pross war begeistert davon, dass sich Patienten gegen die Klinikleitung zur Wehr setzen und politisch aktiv werden. Spontan schloss er sich der Besetzung an, handelte gar einen Kompromiss mit dem Rektor der Uni aus. Ausgerechnet für seine Vermittlerrolle wurde er später von den Mitgliedern des neu gegründeten Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) angefeindet und als "Verräter" davongejagt.

Die Angelegenheit ließ Pross nicht los. Nun, mehr als 45 Jahre später, veröffentlicht er nach fünfjähriger Recherche erstmals eine umfassende, 500 Seiten lange Historie des Patientenkollektivs. Er erzählt von den Querelen um den aufrührerischen Klinikarzt Wolfgang Huber, über dessen therapeutisches Hausprojekt in den Räumen der Universität – bis hin zur Zerschlagung der Gruppe, nachdem die Polizei Waffen und Munition in den vermeintlichen Therapieräumen fand.

Komplizierte Gratwanderung

Für Pross bedeutet das Buch freilich einen Spagat. Möglichst sachlich und unbefangen möchte er über das Kollektiv erzählen, auf keinen Fall will er "Abrechnungsliteratur" verfassen. Doch ist er unweigerlich ein Teil der Geschichte, wenn auch nur ein kleiner. Folgerichtig zitiert er seine eigenen Erinnerungen mehrmals als Quelle. Daneben fußt das Buch auf mehr als 60 Interviews; unter anderem mit ehemaligen Patienten oder Kollegen Hubers. Aber den wichtigsten Zeitzeugen, Wolfgang Huber selbst, konnte er trotz aller Bemühungen nicht ausfindig machen – der gilt nach wie vor als verschollen.

Seine schwierige Doppelrolle meistert Pross überraschend gut. Er stellt das SPK nicht allein als Freakshow hin, deren Ideen von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Durchaus wohlwollend berichtet er über den Ansatz des SPK, Psychotherapie mit politischem Handeln zu verknüpfen. Und er rekonstruiert, warum das an sich viel versprechende Projekt schnell radikalisierte. Das ist auch für Politinitiativen im 21. Jahrhundert noch lehrreich.

Die meisten Leser dürften 500 Seiten über solch ein Nischenthema wohl als zu ausführlich empfinden. Spannend bleibt das Buch aber, weil es ganz nebenbei viel über das politische Biotop der 1970er Jahre verrät, aus dem zahlreiche psychiatriekritische Gruppierungen sprossen – nicht alle nahmen einen so unglücklichen Verlauf wie das SPK. Für Pross endete die Geschichte, als sich das Kollektiv bewaffnete und die Leitfiguren 1972 zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurden. Etwa ein Dutzend ehemaliger SPK-Mitglieder wendeten sich später der "Rote Armee Fraktion" zu. Für den Autor hatten die Gruppen dennoch eher wenig miteinander zu tun. Entschieden wendet er sich gegen die Ansicht des Historikers Ralf Forsbach, das Kollektiv habe als Rekrutenschmiede für die RAF gedient. Die späteren Schicksale ehemaliger SPK-Mitglieder in der RAF sind Pross lediglich eine Randnotiz wert.

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