»Wirksam«: Ein Plädoyer für Antidepressiva
»Dieses Buch ist der idiosynkratische Versuch eines Klinikers, eines Sünders, eine Antwort zu finden.« So formuliert der amerikanische Psychiater Peter D. Kramer sein Anliegen. In »Wirksam« widmet er sich der Rolle von Antidepressiva in unserer Gesellschaft. Was der Autor mit »Sünder« meint, wird schnell klar, wenn er berichtet, mit welchen Vorbehalten er sich konfrontiert sieht, seit er zu diesem Thema publiziert. Ihm wurde etwa ein zu optimistischer Blick auf Medikamente unterstellt. Außerdem, so ein weiterer Vorwurf, stütze er sich in seiner Argumentation zu sehr auf individuelle Anekdoten aus seinem klinischen Alltag anstatt auf empirische Studien. Vorwürfe wie diese ließen Kramer zweifeln, ob er sich erneut zu dem Thema zu Wort melden sollte.
Mit viel Offenheit stellt sich der Psychiater diesen Zweifeln an seiner Arbeit. Er rechtfertigt sich gegenüber der an ihn gerichteten Kritik, doch vor allem erklärt er sich mit großer Genauigkeit – und steht dabei zu dem »Sünder« in ihm. Er tut dies nicht arrogant, sondern eher mit bescheidenem Selbstbewusstsein. Für viele seiner Patientinnen und Patienten – ob sie nun an Depressionen oder anderen affektiven und psychosomatischen Beschwerden leiden – seien Antidepressiva Teil ihres Wegs zurück ins Leben gewesen. Kramer macht klar, dass er für diese Menschen spreche, wenn er der Skepsis gegenüber dieser medikamentösen Behandlung Einhalt gebietet. Er verurteilt diese Skepsis nicht pauschal, sondern erläutert vielmehr, in welchen Hinsichten er sie teilt. Dabei benennt er nicht zuletzt die Überschreitung vieler ethischer Grenzen durch die Pharmaindustrie als Problem. Gleichzeitig könne sich die Kritik an der Gabe von Antidepressiva aber in Ignoranz gegenüber Betroffenen verwandeln, wenn sie nicht immer wieder in die vorhandene Evidenz eingeordnet werde.
Empirie im historischen Kontext
»Evidenz« ist für den langjährigen Arzt keinesfalls nur ein klinischer Begriff. Der Autor widmet sich in außergewöhnlicher Tiefe der wissenschaftlichen Empirie und geht dabei weit über ein Referat der wichtigsten empirischen Befunde zur Wirksamkeit von Antidepressiva hinaus. So erläutert er auch die jeweils zu Grunde liegenden Forschungsmethoden sowie die vorherrschenden medizinischen und statistischen Annahmen der Zeit, der die jeweiligen Ergebnisse entstammen. Dafür geht er zurück bis zu Roland Kuhns intuitivem Fund des ersten Antidepressivums »Imipramin« in den 1950er Jahren. Kramer erzählt, wie lange es bei der Erforschung von Depression auch nach Kuhns Entdeckung noch dauerte, bis man sich für einen biologischen Blickwinkel öffnete. In Kramers eigener Ausbildungszeit wurden depressive Patienten noch ausschließlich psychoanalytisch behandelt.
Der Autor geht auf Studien ein, die eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Psychopharmakologie schlugen, und auch auf jene Untersuchungen, die diese Brücke wieder ins Wanken brachten. Denn zumindest gemäß damaligen Interpretationen attestierten Metaanalysen und kontrolliert randomisierte Studien den Medikamenten seit Ende des 20. Jahrhunderts teilweise einen zu geringen Nutzen. Kramer würdigt die immer ausgefeilteren empirischen Herangehensweisen und zeigt gleichzeitig auf, wo gerade der Versuch, eine möglichst große Objektivität zu gewährleisten, empirische Resultate möglicherweise verzerrt hat; dort etwa, wo verwendete Bewertungsskalen nicht an neuere klinische Erfahrungen angepasst worden seien, wo Verblindung zu falschen Dosierungen geführt habe oder wo statistische Bias (wie mangelnde Additivität) zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hätten. Kramer traut seinen Lesern angesichts der detaillierten Beschreibung von solch komplexen Phänomenen viel zu. Doch er weckt dadurch auch das Gefühl, dass man den Forscherinnen und Forschern bei ihrer Arbeit ganz nah ist.
Wissenschaft lebt von Offenheit
Letztlich spricht sich Kramer dafür aus, die Wirksamkeit von Antidepressiva insgesamt positiv zu bewerten. Doch er zeigt auch deren Grenzen auf und macht klar, warum Medikamente ein unterstützendes Umfeld nicht ersetzen können. Er plädiert außerdem dafür, offen gegenüber neuen, vielleicht noch besseren Behandlungsmöglichkeiten zu bleiben. Und der Psychiater möchte das Bewusstsein dafür schärfen, dass jede Methode auch eine Entscheidung ist. Er macht sich stark für eine Wissenschaft, die Ambivalenzen aushält und vor Ideologie gefeit ist. Denn diese sei für den Erkenntnisprozess bedrohlicher als jede Anekdote.
Das ausgeprägte Gespür Kramers für die Kraft der Interpretation mag auch mit seinem Literaturstudium zusammenhängen. Das legt der Autor selbst nahe, denn er sagt, dass dieses seine Laufbahn als Arzt präge. Er lese auch medizinische Studien wie Bücher verschiedener Genres, die es zu deuten gelte. »Und welcher Blick eignet sich dazu besser als der klinische?«, so Kramer. Seine Deutungen überzeugen. Daher wünscht man sich in manchen Passagen des Buchs noch etwas mehr von seiner sonst üblichen Genauigkeit. So kommen die gesellschaftlichen Missstände, die Depressionen begünstigen könnten, etwas zu kurz. Auch vermisst man eine detailliertere Beschreibung der verschiedenen Methoden der Psychotherapie, deren Entwicklung der Autor nur grob umreißt. Das Kernthema seines Buchs, die Wirksamkeit von Antidepressiva, behandelt Kramer aber so differenziert, wie es dieses Thema verdient.
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