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Weltbild eines Physikers

Joseph Honerkamp ist Naturwissenschaftler mit Leib und Seele. Als Professor der theoretischen Physik unterrichtete er mehr als 30 Jahre lang Studenten – darunter den Schreiber dieser Zeilen. Drei populärwissenschaftliche Bücher hat er bislang veröffentlicht. In seinem neuesten Werk beschäftigt er sich mit "Fragen nach der Welt als Ganzem und nach allem, was sich darin bewegt, nach den Methoden, wie man das erkennt, sowie [mit der] Bewertung dieses Wissens."

Eine gigantische Aufgabe hat er sich da vorgenommen – und betritt obendrein ein Gebiet, das weitgehend Theologen und Philosophen unter sich aufteilen. Vermutlich möchte er genau das ändern. Zumindest liefert er zahlreiche Argumente für ein empirisch-wissenschaftliches Weltbild.

Folgt man Honerkamp, dann haben die Naturwissenschaften einen Zugang zur Welt eröffnet, den es vorher nicht gab: mit transparenter Erkenntnismethodik, falsifizierbaren Arbeitshypothesen und empirisch abgesicherten Modellen, die stetig verbessert werden. Zwar tauge der Begriff "Wirklichkeit" in der Physik wenig, aber auf jeder ihrer Beschreibungsebenen gebe es eine verlässliche Theorie mit einem logisch verknüpften Netz prüfbarer Aussagen über Wirkungen und Eigenschaften. So könnten Menschen zu einem Konsens darüber kommen, was sie als "wirklich" ansehen.

Jenseitserfahrungen sind nicht unabhängig reproduzierbar

Vorstellungen von Gott und Transzendenz sowie esoterische Überzeugungen lässt Honerkamp zwar als subjektive Meinung gelten, gesteht ihnen aber niemals einen objektiven Erkenntniswert zu. Letzteren gäbe es nur in den Naturwissenschaften, da dort Beziehungen quantitativ, reproduzierbar und unabhängig vom Experimentator überprüft werden können. Manchmal wünscht man sich von ihm etwas mehr Achtung vor den Geisteswissenschaften und deren Methoden. Respektlosigkeit kann man ihm aber nicht unterstellen – es geht ihm nur um die Sache.

Das Buch besteht aus fünf Teilen, in denen Honerkamp jeweils die Naturwissenschaften in Beziehung setzt zu gewissen Rahmenbedingungen wie Sprache, Denkweisen oder Weltbildern. Er analysiert beispielsweise, inwiefern die Sprache unser Denken und damit die Wissenschaft beeinflusst – und umgekehrt. Dabei beleuchtet er historische Entwicklungen, erläutert aktuelle Modellvorstellungen und befasst sich mit derzeitigen Problemen in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Physik. Die inhaltliche Bandbreite ist groß: Man lernt etwa, wie ein Algorithmus funktioniert oder wie Maschinen lernen, oder man bekommt eine Ahnung vom Wesen der Raumzeit und der Materie.

Gibt es einen Geist?

Gegen Ende deutet Honerkamp an, wo derzeit die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis verlaufen: beispielsweise bei Themen wie Gefühl, Moral und Geist. Letzteren Begriff setzt er jedoch bewusst in Anführungszeichen, weil er ihn für irreführend hält. Stattdessen spricht er lieber von kognitiven und kreativen Fähigkeiten – Begriffen, die sich naturwissenschaftlich besser fassen lassen. Da das Werk aus einzelnen Essays entstanden ist, lässt es bisweilen einen roten Faden vermissen. Das stört aber kaum und hat zudem den Vorteil, dass man zwischen den Kapiteln hin und her springen kann.

Alles in allem ist dem Autor ein überzeugendes und inspirierendes Werk gelungen, das sich auf umfassende physikalische Expertise stützt und vor Themen wie Erkenntnis, Wahrheit und Moral nicht Halt macht. Ein Buch bisweilen gar mit philosophischem Tiefgang, das man sowohl natur- als auch geisteswissenschaftlich und religiös Interessierten empfehlen kann.

7. KW 2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 7. KW 2015

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