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Ein Abbild der Realität

Etwas, was heute als erwiesen gilt, kann morgen schon revidiert werden. Zu beurteilen, ob man einer wissenschaftlichen Theorie vertrauen kann oder nicht, ist für viele Menschen sehr schwierig, zumal Ausarbeitungen wie die allgemeine Relativitätstheorie schwer nachzuvollziehen sind. Es ist aber nicht unmöglich, meint Wissenschaftsautor Florian Fisch.

Als Orientierungshilfe dient dabei der wissenschaftliche Konsens. Wissenschaftler befinden sich in ständigem Diskurs: Sie wägen widersprüchliche Thesen gegeneinander ab, zweifeln Erkenntnisse immer wieder aufs Neue an (nicht zuletzt jene ihrer Fachkonkurrenten), überprüfen und aktualisieren laufend ihre theoretischen Konzepte. Im jeweils jüngsten Stand dieser Diskussion spiegelt sich der wissenschaftliche Konsens, sofern es einen gibt. Ein solcher ist die Evolutionstheorie: Sie ist empirisch zehntausendfach belegt, erklärt die Entwicklung der Lebewesen aktuell am besten und bewährt sich zudem nicht nur in der Biologie, sondern auch in anderen Wissenschaftsbereichen. Indem sie prüfbare Vorhersagen liefert, beispielsweise zur Entwicklung von Bakterienpopulationen, erfüllt sie das poppersche Kriterium der Falsifizierbarkeit.

Todesspur der Aidsleugner

Florian Fisch hat früher selbst als Biochemiker geforscht und arbeitet heute als Wissenschaftsjournalist und Redakteur beim Schweizerischen Nationalfonds in Bern. In diesem Band hinterfragt er den wissenschaftlichen Konsens kritisch; er erörtert, wie dieser entsteht und inwiefern er zur Wahrheitsfindung beiträgt. Der Autor betont: "Wenn wir die Wahrheit nicht erkennen – oder gar leugnen – kostet das viele Menschen das Leben."

Beispielhaft zeigte sich das an dem ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki (Präsident von 1999 bis 2008). Er leugnete, dass das HI-Virus Aids verursacht, obwohl dies bereits zu seiner Zeit wissenschaftlich erwiesen war. Bestärkt wurde er darin von Aidsleugnern wie Peter Duesberg und Matthias Rath. Mbekis Haltung hatte schreckliche Konsequenzen: Epidemiologen schätzen, dass seine Politik zum Tod von 330 000 Menschen an Aids und zu etwa 170 000 vermeidbaren HIV-Infektionen führte. Auch heute äußern hochrangige Politiker zunehmend Zweifel am wissenschaftlichen Konsens – höchste Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Anders als der Titel suggeriert, ist das Buch kein Ratgeber, der auflistet, was wir Wissenschaftlern abnehmen können und was nicht. Vielmehr liefert es tiefe und spannende Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte und regt dazu an, sich näher mit Forschung zu beschäftigen. Fisch stellt dar, wie sich die moderne Arbeitspraxis in den Naturwissenschaften etablierte, und er beleuchtet große Themen wie die Aidsforschung, die Genetik, die Evolutionstheorie und die Impfforschung aus wissenschaftlicher und geschichtlicher Perspektive. An ihnen zeigt er exemplarisch, wie kompliziert die Suche nach dem sein kann, was wir Wahrheit nennen – vor allem, wenn politische und wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen. Der Autor beleuchtet beides: den berechtigten Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie die Folgen, wenn diese einfach ignoriert werden.

Differenzierter Blick

Fisch bemängelt, wissenschaftliche Fragen würden im öffentlichen Diskurs oft zu stark vereinfacht. In Sachen Impfung beispielsweise konstatiert er bei vielen Beteiligten ein ausgeprägtes Schwarzweißdenken. Er kritisiert das undifferenzierte Misstrauen von Impfgegnern mit dem Hinweis darauf, dass der Nutzen von Impfungen unumstößlich belegt ist. Zugleich betont er, dass man nicht jede Impfung pauschal als sinnvoll deklarieren, sondern diesbezüglich zwischen einzelnen Impfungen und Impfprogrammen differenzieren sollte.

Journalisten tragen beim Vermitteln von Wissenschaft eine immens große Verantwortung und stehen gleichzeitig vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Sie müssen nicht nur komplexe Hintergründe erklären und den wissenschaftlichen Konsens erörtern, sondern auch darauf achten, dass sie abweichende Standpunkte einerseits beleuchten, andererseits nicht überrepräsentieren. In Sachen Klimawandel, schreibt der Autor, hätten einige amerikanische Journalisten ein völlig verzerrtes Bild des Diskurses vermittelt, indem sie Klimaskeptiker in gleichem Maße zu Wort kommen ließen wie Vertreter des wissenschaftlichen Konsens – und damit den absurden Eindruck schürten, beide gehörten etwa gleich starken Lagern an.

Fisch selbst gibt in seinem Band Wissenschaftlern die Gelegenheit, sich in Interviews zu äußern. Die Wissenschaftssoziologin Karni Knorr-Cetina beispielsweise erläutert, wie Wissenschaftler zwischen "wahr" und "unwahr" unterscheiden. Der Methodenforscher Gerd Antes arbeitet mit seinen Kollegen in der "Cochrane Collaboration" daran, alle bereits vorhandenen wissenschaftlichen Studien zu einem Thema zusammenzutragen und systematisch zu analysieren, um so eine evidenzbasierte Medizin zu fördern. Und der Psychologe Stephan Lewandowsky forscht darüber, warum Menschen den anthropogenen Klimawandel oder den Nutzen von Impfungen leugnen.

"Wissenschaftlich erwiesen" ist gut recherchiert, interessant zu lesen und jedem zu empfehlen: Laien, Journalisten, Politikern und auch Wissenschaftlern selbst. Nicht nur, weil es ein äußerst erhellendes und zugleich unterhaltsames Werk ist. Sondern auch, weil es für uns alle gleichermaßen wichtig ist, zu verstehen, was wissenschaftlicher Konsens ist und was empirisch basierte Erkenntnisse für die Gesellschaft bedeuten.

12/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2017

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