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Durchwachsene Bilanz

Seit gut fünfzehn Jahren stiftet die so genannte Neurotheologie – der Versuch von Wissenschaftlern, religiöses Empfinden mit den Mitteln der Neurobiologie zu erklären – Verwirrung in der Öffentlichkeit. Aus gutem Grund haben sich Theologen bisher von dem damit verbundenen Medienhype ferngehalten. Nun nimmt sich ein Jesuit des Themas an. Er befleißigt sich eines differenzierten argumentativen Stils, um die himmelstürmenden Interpretationen der Neurotheologen zurück auf die Erde zu bringen. Worum geht es?

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass es bei den experimentellen Ergebnissen der Neurotheologen nicht um Gott geht (man zeige den Wissenschaftler, der mit ihm schon experimentiert hat), sondern um religiöse Erfahrung. Das ist ein kleiner, aber bedeutsamer Unterschied, denn die Experimente der Neurowissenschaftler haben die Existenz Gottes weder bewiesen noch widerlegt. Dass religiöse Erfahrung im Gehirn allerdings neurophysiologische Korrelate aufweist, liegt nahe.

Goller lässt die wichtigsten Protagonisten der Szene Revue passieren, stellt ihre Ergebnisse sehr kundig dar, geht auf methodische Schwächen ebenso ein wie auf prinzipielle philosophische Schwierigkeiten. Man liest einmal mehr, die Experimente des amerikanischen Hirnforschers und Religionswissenschaftlers Andrew Newberg deuteten darauf hin, dass die räumliche Entgrenzungserfahrung bei mystischen Erlebnissen in einem bestimmten Areal im Gehirn lokalisiert sein könnte. Man erfährt erneut, das "Gottesmodul", postuliert vom indisch-amerikanischen Neurologen Vilayanur S. Ramachandran, sei vermutlich eine publikumswirksame Selbsttäuschung dieses amerikanischen Bestsellerautors. Man stellt fest, die Forschungen des kanadischen Neurowissenschaftlers Mario Beauregard an kontemplierenden Karmeliternonnen ließen den Schluss zu, mystische Erfahrungen seien im Gehirn nicht genau lokalisierbar, sondern hätten sehr komplexe Korrelate. Und man bekommt erzählt, wie sich die Behauptung des amerikanischen Neurotheologen Michael Persinger, spirituelle Erfahrungen ließen sich durch Magnetfelder induzieren, in Nichts auflöste.

Hirnsignale durch Meditation

Auch auf eher spezielle, wenngleich interessante Befunde geht Goller ein, etwa die der Hirnforscherin und Theologin Nina Azari, wonach die Rezitation religiöser Texte kognitive Strukturen im Gehirn anregt, sofern eine entsprechende Sozialisation vorliegt. Bemerkenswert ist auch die Entdeckung des amerikanischen Hirnforschers Richard Davidson, dass intensive Meditationspraxis zu einer Intensivierung von Gammawellen im Gehirn führt. Ein Ergebnis, das der deutsche Meditationsforscher Ulrich Ott, auf den Goller leider nicht eingeht, schon lange vorher in seiner Dissertation postuliert hatte. Meditationsfreunde wird es freuen zu erfahren: Kontinuierliche Meditation verzögert offenkundig den altersbedingten Abbau der Hirnrinde – eine kostengünstige Demenzprophylaxe.

Sodann beginnt der Autor mit einer vorsichtigen Kritik an den philosophischen Voraussetzungen der Neurowissenschaften. Vor allem stößt er sich am Gehirn-Leib-Dualismus, dem viele Neurowissenschaftler immer noch anhängen, auch wenn Embodiment-Theorien zunehmend an Bedeutung gewinnen. Mit Berufung auf den Heidelberger Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs plädiert er für ein Modell, welches das Gehirn als dafür zuständig ansieht, die ganze Person und ihre soziale Umgebung zu integrieren. Gegen Emergenztheorien, die das Bewusstsein als Produkt des Gehirns interpretieren, argumentiert der Autor, indem er eine Sichtweise favorisiert, bei der Gehirn und Bewusstsein weder identisch noch verschieden, sondern komplementäre Seiten derselben Wirklichkeit sind.

Nach diesen Betrachtungen ist der Boden dafür bereitet, was den Autor offenbar wirklich bewegt. Ausgehend von den Ergebnissen prospektiver Studien des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel diskutiert der Autor sehr differenziert die gängige Meinung, Nahtoderfahrungen seien Selbsttäuschungen eines sterbenden Gehirns. Er tendiert zur einer dualistischen Deutung des Verhältnisses von Bewusstsein und Gehirn, sprich zum Postulat einer unsterblichen Seele. An dieser Stelle betritt er allerdings endgültig den Grenzbereich der Wissenschaft, auch wenn er sich in diesem schwierigen Terrain um Wissenschaftlichkeit bemüht. In der Summe ist sein Buch trotzdem lesenswert.

40/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 40/2015

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