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»Wut«: Der mit dem Drucker wirft

Vorfahrt genommen, nervige Kollegen – der Alltag liefert genug Gründe für Wut. Robert Burdy stellt alternative Reaktionen vor, behandelt die wissenschaftlichen Hintergründe der Wut aber nur am Rande.

Wut ist eine der menschlichen Grundemotionen. Jeder kennt sie. Und je nach Zündschnur ist sie leicht geweckt: Da ist der unverschämte Drängler an der Supermarktkasse, der Sitznachbar im Flugzeug, der die ganze Armlehne für sich beansprucht, oder die nervige Arbeitskollegin, die zu allem und jedem ihren Senf abgeben muss. Und dann wurde man auf dem Heimweg auch noch geblitzt – Mann!

Der deutsche Fernsehmoderator und Journalist Robert Burdy widmet sich in »Wut« dieser Emotion auf rund 250 Seiten – und lässt die Leserinnen und Leser dabei auch an seinen eigenen Wuterlebnissen teilhaben: »Die Wut hat mich wie eine körperliche Beeinträchtigung durch fast sechs Lebensjahrzehnte begleitet. Sie hat mir Freiheit geraubt, Freude genommen und Freunde in die Flucht geschlagen.« Im Zentrum des Buchs steht dabei die Frage nach der Verantwortung für die eigene Wut. Entsprechend betont Burdy: »Wer der Meinung ist, dass sein Hauptproblem die Wut der anderen ist, der ist hier falsch.«

Funktion und Schattenseiten der Wut

Zunächst geht der Autor auf die Wut als eine der Grundemotionen ein und betont ihre nützliche und wichtige Funktion als Warnsignal für Grenzüberschreitungen. Danach stellt er verschiedene eher ungünstige Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Wut vor: etwa passiv-aggressives Verhalten, unterdrückte Wut oder offen aggressives Ausagieren. In Bezug auf Letzteres zitiert er eine Statistik, laut der die Hälfte aller Menschen schon einmal wütend auf ihren Rechner eingeschlagen oder mit Computern, Mäusen, Druckern oder Ähnlichem geworfen haben – ein Motiv, das in Form von Burdys wütendem (und wütenden) Arbeitskollegen Andreas immer wieder auftaucht.

Im zweiten Teil geht es um die Mechanismen, die dazu führen, dass Menschen sich im Alltag in ihre Wut hineinsteigern – etwa über Geschichten, die sie sich selbst erzählen. Der Autor bezieht sich dabei unter anderem auf Paul Watzlawicks bekannte »Geschichte mit dem Hammer«: Ein Mann möchte sich von seinem Nachbarn einen Hammer ausleihen. Doch anstatt einfach zu fragen, steigert er sich immer weiter in die Vorstellung hinein, der Nachbar werde ihm die Bitte ohnehin abschlagen. Schließlich klingelt er wutentbrannt an dessen Tür und schreit noch vor der Begrüßung: »Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!«

Ein eigenes Kapitel widmet sich Wut in Liebesbeziehungen, zudem spricht Burdy gesellschaftliche Entwicklungen an, die Wut fördern – etwa die Dynamik der Social-Media-Kommunikation und die Algorithmen, die sie verstärken, indem sie »wütende« Inhalte bevorzugt ausspielen. Dabei thematisiert er auch mögliche Einflussnahmen aus dem Ausland, etwa aus Russland: »Es deutet vieles darauf hin, dass unsere Gesellschaften in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten gezielt wütend gemacht worden sind.«

Wege aus der Wut

Im dritten und letzten Teil des Buches, den Burdy »die ent-lernte Wut« tauft, geht der Autor auf mögliche alternative Reaktionen auf wutauslösende Ereignisse ein. Hierbei bezieht er sich unter anderem auf buddhistische Ideen und Lehren, etwa des vietnamesischen Zen-Meisters und Friedensaktivisten Thích Nhất Hạnh. Im Mittelpunkt stehen vor allem Ansätze, die jede und jeder individuell verfolgen kann: Situationen neu deuten, Mitgefühl für andere entwickeln oder die eigenen Erwartungen hinterfragen. Kaum thematisiert werden hingegen Strategien, um Konflikte offen anzusprechen und gemeinsam mit dem Gegenüber konstruktiv zu lösen.

Auch die unterschiedliche Sozialisation von Frauen und Männern und ein daraus resultierender unterschiedlicher Umgang mit Wut werden nur am Rande behandelt. Ebenso betont Burdy zwar wiederholt, dass Wut eine wichtige Funktion erfüllt – nämlich, darauf hinzuweisen, dass eine Grenze überschritten wurde; doch es bleibt weitgehend offen, wie sich dieses Gefühl konstruktiv für das Setzen von Grenzen nutzen lässt.

Insgesamt liefert das Buch viele alltagsnahe Beobachtungen und Denkanstöße und ist dabei äußerst unterhaltsam geschrieben. Stellenweise wirkt der Ton jedoch sehr anekdotisch, mitunter fast flapsig und übermäßig pointiert. Quellen werden zwar angegeben, meist jedoch nur dort, wo Zahlen und Statistiken angeführt werden. Verweise auf aktuelle Forschung oder neuere wissenschaftliche Studien findet man hingegen eher selten.

Wer sich mit der eigenen Wut auseinandersetzen möchte und nach Denkanstößen sowie alltagsnahen Perspektiven sucht, wird in dem Buch durchaus fündig. Eine vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema bietet es allerdings eher nicht. Auch bleiben die vorgeschlagenen Lösungsansätze stark auf individuelle Selbstkontrolle fokussiert.

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