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Im Schlick verborgen

Wer unter Wasser die deutsche Geschichte erkundet, braucht einen langen Atem.

Die deutschen Meeresküsten und Binnengewässer boten seit jeher Lebensraum und dienten als Transportwege. Und so warten Überreste von Wasserfahrzeugen, Siedlungen, Befestigungs- und Produktionsanlagen auf Unterwasserarchäologinnen und -archäologen. Vom Luftsauerstoff abgeschlossen, blieben Holz, Knochen und andere organische Materialien teilweise noch erhalten. Trotz modernster Technik braucht es aber auch Mut und Begeisterung, die unter Schlick begrabenen Zeugnisse der Vergangenheit zu erkunden, zu dokumentieren und gegebenenfalls zu bergen.

Einblicke in die deutsche Geschichte

Der Kieler Prähistoriker Florian Huber, Mitbegründer des auf Forschungstauchen spezialisierten Dienstleistungsunternehmen Submaris, will die Leserinnen und Leser auf »Zeitreisen unter Wasser« mitnehmen und verspricht »spektakuläre Entdeckungen«. Zwar vermitteln seine Autorinnen und Autoren nur zwischen den Zeilen eine Ahnung ihrer Faszination. Gleichwohl ergeben selbst die sprödesten Befunde dieses Buchs in der Gesamtschau ungewöhnliche Einblicke in die Geschichte unseres Landes. Ein Manko: Methoden und Techniken werden allenfalls angedeutet, selten erklärt. Für den Laien ist das zu wenig.

Ein herausragendes und populäres Projekt ist die Wikingersiedlung Haithabu an der Ostsee. Um 800 begann ihr Aufstieg als Umschlaghafen. Dabei lag sie nicht direkt am Meer, sondern war über die Schlei, einen mehr als 40 Kilometer langen Fjord, damit verbunden. Ein halbkreisförmiger Wall schützte bis zu 1500 Einwohner gegen Angriffe von Land aus. Überreste der Verteidigungsanlagen gegen Überfälle von See aus entdeckten Taucher bereits 1953. Unter der Annahme, sie würden wohl den Wall weiterführen, rekonstruierte man sie lange als Hafenpalisade mit Wehrgang und Türmen. Doch spätere Tauchgänge erbrachten abweichende Resultate, und heute gelten fünf bis sechs dicht gestaffelte Reihen von Pfählen und Schwimmern als wahrscheinlicher.

Auch zum Hafen selbst haben sich die Vorstellungen geändert, von weit ins Wasser laufenden separaten Landebrücken zu miteinander verbundenen Stegen, ja zu einer U-förmigen Plattform von fast 1500 Quadratmetern, auf der Handel getrieben wurde. Das ist bemerkenswert, da solche offenen Marktflächen in anderen Städten Nordeuropas erst später aufkamen.

Um Angreifer erst gar nicht bis in Hafennähe kommen zu lassen, wurden Engstellen der Schlei befestigt. So haben Taucher 1989 ein quer zum Fjord liegendes Pfahlfeld entdeckt, das einst wohl eine große Plattform trug, auf der eine Wachmannschaft Dienst tat. Die größte Anlage in der Schlei war ein mehr als 1,6 Kilometer langes Sperrwerk, das in aneinandergereihten, drei Meter unter Wasser liegenden hölzernen Senkkästen verankert war. Auch wenn diese Mauer in Flussrichtung verlief, diente sie doch sicher der Kontrolle des Schiffsverkehrs.

Forscher tauchen auch vor der Nordspitze der Insel Usedom bei Peenemünde. Schon ab 1936 betrieb Nazideutschland dort das größte europäische Forschungszentrum für Waffentechnik, ein deutliches Indiz für den Kriegswillen des Reichs. Technischer Fortschritt sollte Heer und Luftwaffe Überlegenheit verleihen, deshalb erhielten »raketenbetriebene und selbstfliegende Fern- und Präzisionswaffen« besondere Aufmerksamkeit. Unter den Artefakten, die vor der Küste geborgen werden, dominiert daher die Gleitbombe Henschel Hs 293. Knapp vier Meter lang, eine halbe Tonne schwer, raketenbetrieben und per Funk lenkbar, sollte sie Flugabwehrstellungen ausschalten, solange der Bomber außer Reichweite der Flak-Geschütze war.

Auch der Erste Weltkrieg hat Spuren im Meer hinterlassen. Vor Helgoland gelang es der britischen Royal Navy am 28. August 1914, eine kleine Aufklärungsflotte der Kaiserlichen Marine zu überraschen. Sie versenkte drei Kreuzer und ein Torpedoboot, 723 deutsche Matrosen fanden den Tod. Seit 2017 werden die Wracks untersucht. Hochmoderne Sonarsysteme liefern topografische Bilder der Fundstellen. Doch nur vor Ort lassen sich die Schiffe mit Fotos, Videos und anhand einzelner Funde dokumentieren. Vor Ort bedeutet in diesem Fall aber: Tauchen, solange die starken Gezeitenströmungen wechseln, zudem in etwa 40 bis 45 Meter Tiefe. Das erzwingt geschlossene Atemkreislaufsysteme mit heliumangereicherter Luft und begrenzt das Zeitfenster auf eine halbe Stunde am Wrack, sonst droht die gefürchtete Dekompressionskrankheit. Bei einer Sichtweite von oft nur etwa zwei Metern hat ein solches Unternehmen allerdings ohnehin nichts mit Korallen-im-Roten-Meer-Urlauben gemein.

Auch viele andere im Buch vorgestellte Projekte befassen sich mit Kriegen beziehungsweise Militärtechnik. So gehören zwei keltische Langschwerter zu den bedeutendsten Funden aus dem schwäbischen Blautopf, einem 21 Meter tiefen Quelltrichter bei Blaubeuren, dessen mystisch blau schimmerndes Wasser die Menschen wohl schon in prähistorischer Zeit anzog. Die Schwerter waren vermutlich Weihegaben. Auch im ältesten Kriegsgebiet Deutschlands arbeiten Unterwasserarchäologen: Im Tal des Flüsschens Tollense in Mecklenburg-Vorpommern haben geschätzt etwa 2000 Menschen erbittert um die Kontrolle eines bronzezeitlichen Handelswegs gekämpft. 140 Gewaltopfer haben Forscherinnen und Forscher sicher nachgewiesen. Und selbst der jüngste Zweig der Unterwasserarchäologie, die Industriearchäologie, spiegelt oft die aggressive Natur des Menschen wider: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verlagerten die Nazis kriegswichtige Produktionsstätten bombensicher in Bergwerke. Heute sind deren Stollen geflutet – und werden von Tauchern erkundet.

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