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»Zukunft braucht Weisheit«: Weisheit heißt, die Ungewissheit umarmen

Mit ungebrochenem Engagement und großer Urteilskraft zieht Helga Nowotny die Bilanz ihres außergewöhnlichen Lebens im Dienst von Wissenschaft und Forschung.

Das delphische Orakel bezeichnete Sokrates einst – nach seiner Aussage »Ich weiß, dass ich nichts weiß« – als den weisesten Menschen. Heute scheinen KI-Anwendungen alles zu »wissen«, können sie doch Fragen aller Art in Sekundenschnelle beantworten und sogar komplizierteste mathematische Probleme lösen. »Weise« wird man sie gleichwohl nicht nennen. Dennoch scheint die Frage, was denn heute Weisheit sei, nach einer neuen Antwort zu verlangen.

Ein Buchtitel wie »Zukunft braucht Weisheit« macht daher neugierig. Und diese Neugier wird nicht enttäuscht. Helga Nowotny legt die intellektuelle Summa ihres langen Lebens vor. Die Wissenssoziologin blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück, in der sie ihre Forschungsgebiete ebenso geprägt hat wie die Organisationen, die sie leitete. Allerdings – und das betont die Autorin auch – ist ihr Buch keine Autobiografie, auch wenn es in großen Teilen ihrem Lebensweg folgt.

Gilgamesch und die Transhumanisten

Den Auftakt bildet das Kapitel »Die Erfindung der Zukunft«, in dem die Autorin das Gilgamesch-Epos (dessen Entstehung bis circa 2100 v. Chr. zurückreicht) mit heutigen Vorstellungen von Transhumanisten aus dem Silicon Valley vergleicht. Der vermutlich historische sumerische König Gilgamesch handele, so die Autorin, in einer der ältesten aufgeschriebenen Erzählungen der Weltgeschichte aus einem ähnlichen Motiv wie heutige Transhumanisten: dem Ärgernis des Todes zu begegnen. Gilgamesch revoltierte gegen die Unsterblichkeit der Götter, die er als Mensch nicht erlangen konnte; die Tech-Bros aus Kalifornien wollen den Tod mit modernen, technisch-medizinischen Mitteln überwinden und auf diese Weise unsterblich werden. Der Traum von der Unsterblichkeit habe sich gewandelt: »Wir haben die Götter abgeschafft, doch geblieben sind die falschen Propheten, die vorgeben, die Zukunft zu kennen, um von der Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen zu profitieren.«

Solche Überlegungen und gut begründete Urteile verknüpft Nowotny mit der Schilderung ihrer durchaus nicht geradlinigen Lebensreise. Nach Jurastudium und Promotion in Wien arbeitet sie zunächst als Kriminologin, folgt dann aber ihrer Familie nach New York, wo sie bei Robert K. Merton und Paul Lazarsfeld, zwei der bekanntesten Soziologen des 20. Jahrhunderts, Wissenssoziologie studiert. Zurück in Europa, wird sie nach weiteren Stationen Gründungsdirektorin des Europäischen Zentrums in Wien. In der Folge forscht und lehrt sie unter anderem in Zürich, Paris, Budapest und Berlin. Als Gründungsmitglied und später Präsidentin des Europäischen Forschungsrates wird sie zu einer bestimmenden Persönlichkeit der europäischen Forschungspolitik.

Klare Urteile

Diese Stationen ihrer außergewöhnlichen Laufbahn schildert sie aber eher beiläufig – es ging und geht ihr immer um Inhalte. So kritisiert sie Einschränkungen für junge Wissenschaftler, die anhaltenden Schwierigkeiten von Frauen in der Forschung, untersucht das Pro und Kontra der Kernenergie und blickt kritisch auf den Umgang mit der Pandemie: »Rückblickend wird deutlich, wie sehr die langfristigen gesellschaftlichen Folgen der Pandemie unterschätzt wurden […] Am deutlichsten und vielleicht am schwerwiegendsten wird das anhand der psychischen und sozialen Entwicklung junger Menschen sichtbar, die während der Pandemie stark in ihren sozialen Kontakten und Reifungsprozessen eingeschränkt waren.« Und immer wieder kommt sie auf die aktuelle Situation der Wissenschaften in den USA sowie auf die KI-Debatte zurück: »Je mehr wir uns auf prädiktive Algorithmen verlassen, um die Zukunft unter Kontrolle zu bringen, desto mehr übertragen wir die Handlungsfähigkeiten der KI.«

Das Buch besticht weniger durch Tiefe – man kann es fast wie einen Roman lesen – als vielmehr durch seine Klarheit im Urteil und durch die Art und Weise, in der es Zeugnis von Nowotnys lebenslanger Neugier, ihrem Ethos als Wissenschaftlerin und ihrem Optimismus ablegt. Es regt zum Weiterdenken an, fordert den Leser heraus: »Das war es also, was mich im Unterbewusstsein so lange beschäftigt hatte: die Einsicht, dass es keine absolute Gewissheit gibt. Ich fand das überaus beruhigend und es ließ mich, wie ich es später nannte, die Ungewissheit umarmen.«

Wie sehr sich Nowotny für jüngere Generationen einsetzt und welches Vertrauen sie in deren Fähigkeiten setzt, zeigt sich auch im Gespräch mit ihrer Enkelin Isabel Frey, einer Künstlerin und Soziologin, das den Band beschließt. Hier geht es um Themen wie Feminismus, Leistung, Religion, Freiheit, Wissenschaft und Kunst.

Helga Nowotny feiert im August ihren 89. Geburtstag – und ist immer noch in der Scientific Community aktiv. Auch wenn ihr Buch die Frage danach, worin Weisheit heute bestehen könnte, nicht abschließend beantwortet: Es zu lesen, ist kein schlechter Weg, sich ihr zu nähern.

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