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»Zwei Enthüllungen über die Scham«: »Weil du es kannst, kann ich es nicht«

Wenn Scham die breite Brust zeigt: Der Philosoph Robert Pfaller kritisiert die moderne Identitätspolitik. Eine Rezension
Nahaufnahme einer Frau, die aus Scham ihr Gesicht mit ihren Händen bedeckt

Man solle sich schämen, wenn man SUV fährt, in den Urlaub fliegt oder Fleisch isst. Mit solchen Vorwürfen finden sich viele in den sozialen Medien konfrontiert. Häufig wird man auch mit Aussagen wie »Weil du dich nicht schämst, schäme ich mich für dich« konfrontiert: ein öffentliches »Fremdschämen« mit Ansage und stolzgeschwellter Brust.

Mit solchen Ausprägungen der Identitätspolitik beschäftigt sich der österreichische Philosoph Robert Pfaller in seinem neuen Buch »Zwei Enthüllungen über die Scham«. Das Werk ist zugleich eine philosophische Auseinandersetzung mit Schamtheorien und ein Beitrag zu ihrer Präzisierung und Revision.

Scham mutiert zum Luxusartikel

Aktuelle Muster von Scham zeichnet der Autor im ersten Kapitel. Scham mutiere zum Luxusartikel und zur Maske eines unverhohlenen Stolzes, zum sozialen Faktum und zum Mittel der Denunziation der Unliebsamen – etwa dem Vorwurf, jemand sei ein »alter weißer Mann«. Viele der neuen Muster entstammten einer überbordenden Identitätsdiskussion, die sich an Gender, Sexismus oder Rassismus entzündeten. Transformiert uns diese Identitätspolitik von einer Schuld- zu einer Schamgesellschaft? Bevor Pfaller hierauf antwortet, enthüllt er zwei Irrtümer über Scham.

Die erste Enthüllung zielt auf einen Irrtum der Anthropologie, die Scham als außengeleitet, Schuld hingegen als innengeleitete Vorwürfe betrachtet. In Margret Meads Beobachtungen aus den 1930er Jahren erkennt Pfaller den Hauptirrtum, der seitdem von vielen tradiert werde. Der Autor zeigt an Beispielen, dass Scham auch im Inneren der Person ihren Platz habe, wohingegen Schuld aus Vorwürfen Dritter gegen Verfehlungen entstehe. Scham betreffe die ganze Person und sei plötzlich da; man errötet. Schuld komme dagegen allmählich und partiell. Sie kann mit Scham verbunden sein, muss es aber nicht. Und: Man könne sich entschuldigen, nicht aber entschämen.

Eng an der Textvorlage zeigt Pfaller am Fallbeispiel Bronislaw Malinowskis, dass die verbotene Liebe eines jungen Trobrianders zu seiner Cousine im Dorf lange allgemein bekannt war. Erst die öffentliche Klage des Nebenbuhlers habe den Trobriander in den Selbstmord getrieben. Das verletzte Diskretionsgebot sei in dem Fall der Auslöser von Scham – vergleichbar mit einem Fleck am Hemd des Gegenübers, über den Dritte nicht mehr hinwegsehen, oder wie die Untertanen die Nacktheit des Kaisers ignorieren, bis das Kind in Andersens Märchen diese laut benennt.

Die zweite Enthüllung Pfallers betrifft den Irrtum der Psychoanalytiker: Weil das »Ich« das eigene Ungenügen im Vorbild des »Über-Ichs« erkenne, schäme es sich. Diese Auffassung verwirft Pfaller als »theoretische Fehlkonstruktion«, für die keine »immanente Richtigstellung« möglich sei. Das gesamte System der Begriffe und Voraussetzungen müsse neu konstruiert werden.

Pfaller dreht den Spieß um: Scham komme nicht von oben, sondern von unten. Sie entstehe im »naiven Beobachter«, den der französische Anthropologe und Psychoanalytiker Octave Mannoni (1899–1989) im kindlichen Blick sieht, den der Erwachsene manchmal einnehme. Jener könne nicht zwischen Augenschein und Wahrheit unterscheiden. Diesem »naiven Beobachter« gibt Pfaller im psychoanalytischen System den Namen »Unter-Ich« als Pendant zum Über-Ich. Das Unter-Ich wünsche sich das eigene Ich als etwas Schönes, Positives, wofür es »sich zu leben lohne«, denn »um sich schämen zu können, muss man Ehre und Stolz besitzen«. Scham entstünde, wenn das Unter-Ich »entsetzt auf ein entblößtes Ich« blicke, von diesem enttäuscht sei, weil es ihn – real oder metaphorisch – plötzlich in seiner Nacktheit sehe.

Laut Pfaller leben wir nicht in einer neuen Schamgesellschaft. Er beruft sich auf den Soziologen Oliver Nachtwey, der westliche Kulturen als »Abstiegsgesellschaften« charakterisiert. Die Menschen glaubten nicht mehr, dass sie oder ihre Kinder es einmal besser haben werden, sehen nur die Welt zu Grunde gehen. »Wer keine Zukunft hat, beruft sich auf seine Herkunft«, folgert Pfaller. Wessen Identität bedroht sei, reagiere mit narzisstischer Kränkung, überempfindlich und werfe anderen Schamlosigkeit vor, mit stolzgeschwellter Brust – selbst noch beim eigenen Versagen: »Weil du es kannst, kann ich es nicht«.

Das Buch ist intelligent und klar geschrieben, gut zu lesen, erfordert aber einige Kenntnisse psychoanalytischer und philosophischer Argumentation.

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