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Reaktionslos, aber bei Bewusstsein

Wie ein Neurowissenschaftler lernte, sich mit Wachkomapatienten zu unterhalten.

Kate liegt in einem Krankenhauszimmer. Immer wieder führt das Personal verschiedene Untersuchungen an ihr durch, ohne ihr zu sagen, was gemacht wird. Warum auch? Schließlich liegt sie im Wachkoma und bekommt nichts mit. Patienten in diesem Zustand atmen zwar selbstständig, schlucken und bewegen ihre Augen. Ihr Gehirn ist jedoch so stark geschädigt, dass sie nicht ansprechbar sind und sich nicht mehr willentlich bewegen können.

Doch wie sich herausstellte, lagen die Mediziner in Kates Fall falsch: Sie ist bei vollem Bewusstsein – und damit nicht die Einzige. Geschätzt 15 bis 20 Prozent aller Wachkomapatienten befinden sich in dieser Grauzone, in der ihr Körper zwar nicht reagiert, ihr Gehirn jedoch durchaus. Bis Forscher diesen Zustand nachweisen konnten, war es ein langer Weg; Autor Adrian Owen hat ihn wesentlich mitgestaltet. Nachdem seine frühere Partnerin Maureen nach einem Schlaganfall ins Wachkoma fiel, begann der Neurowissenschaftler vor mehr als 20 Jahren damit, Wachkomapatienten im Hirnscanner zu untersuchen. Der Brite fragte sich, was in Maureens Kopf wohl vorgehen mochte. Und Kate war die Erste, die ihm half, eine Antwort zu finden.

Aber wie untersucht man das Bewusstsein von Patienten, die keine willentliche Regung mehr zeigen? Zunächst präsentierte Owen Kate verschiedene Bilder, während er die Aktivität ihres Gehirns maß. Das reagierte auf Fotos von Gesichtern genauso wie das eines gesunden Probanden. Die Forscherkollegen des Neurowissenschaftlers blieben allerdings skeptisch, schließlich war es die erste Studie dieser Art, und Kate hätte eine Ausnahme oder ihre Hirnaktivität eine automatische Reaktion sein können. Bessere Methoden und mehr Patienten mussten her.

Entdeckungsreise in die Zwischenwelt

Der Autor nimmt seine Leser mit auf eine persönliche Entdeckungsreise in die Zwischenwelt, erklärt Schritt für Schritt, wie und was er und sein Team gemessen haben, wie sie auf die verschiedenen Methoden kamen und was die Ergebnisse zu bedeuten haben. Zeitweise hat man das Gefühl, man lese einen Krimi, so mitreißend berichtet Owen. Ein Durchbruch war erzielt, als er nach mehr als zehn Jahren Forschung erstmals mit Wachkomapatienten kommunizieren konnte, indem er ihnen Ja-Nein-Fragen stellte. Um zu antworten, müssen sich die Patienten entweder vorstellen, sie spielten Tennis oder sie gingen durch ihre Wohnung. Die Antwort können die Forscher dann anhand der Gehirnaktivität ablesen.

Einen Haken hat die Methode aber: Alle Patienten müssen zu ihm ins Institut. Praktikabel, günstig und alltagstauglich ist das nicht. Deshalb arbeitet Owen gerade daran, ein ähnliches Verfahren auf der Grundlage von EEG-Strömen zu entwickeln, denn diese lassen sich mit kleinen und mobilen Geräten erfassen. Leider bleibt unerwähnt, wie weit fortgeschritten dieser Ansatz ist.

Ein zentrales Element des Buchs ist der Gedanke, dass Forschung nicht um ihrer selbst willen betrieben werden soll, sondern um den Menschen zu helfen – ein Standpunkt, den Maureen vertrat und der häufig zu Streit führte. Obwohl der Autor betont, es gehe ihm und seinem Team darum, Wachkomapatienten eine Stimme zu geben und darauf hinzuwirken, dass diese wie normale Mensch behandelt würden, ist fraglich, wie stark die Betroffenen tatsächlich von seinen Methoden profitieren. Möglicherweise behandeln Pflegekräfte sie nun tatsächlich anders und fördern sie stärker. Ob das aber wirklich zutrifft, hat der Neurowissenschaftler nie untersucht. Stattdessen erwähnt er einen Fall, in dem sich der behandelnde Arzt dagegen entschied, die Angehörigen einer Patientin darüber zu informieren, dass die Frau Anzeichen von Bewusstsein zeigt. Vielleicht wollte er den Angehörigen zusätzliches Leid ersparen.

Schluss mit fragwürdigen Passagen

Auf solche mit seiner Forschung verbundenen ethischen und juristischen Probleme geht Owen ausführlich ein. Gelegentlich wüsste man jedoch gern mehr zu einem Aspekt. So erwähnt er, dass sich seine Tennisspiel-Methode nicht bei Menschen mit Locked-in-Syndrom anwenden lasse – einem dem Wachkoma mit Restbewusstsein ähnlichen Krankheitsbild –, beschreibt aber nicht näher, warum. Am Ende des Buchs driftet er gar ins Unwissenschaftliche ab, indem er etwa von der Genesung eines Wachkomapatienten berichtet und schreibt, dessen Persönlichkeit sei erst Wochen nach seinem Bewusstsein zurückgekehrt. Das mag Owen vielleicht so empfunden haben, es gibt jedoch keinerlei Beweise dafür und sicherlich auch alternative Erklärungen, die der Autor unerwähnt lässt. Und im letzten Kapitel, das sich mit künftigen Anwendungsmöglichkeiten der Technik befasst, prophezeit der Neurowissenschaftler reißerisch, es sei eines Tages zweifellos möglich, die Gedanken anderer zu lesen.

Obwohl die letzten Kapitel mit Skepsis zu genießen sind, handelt es sich unterm Strich um ein spannendes, verständliches und wissenschaftlich fundiertes Buch rund um das menschliche Bewusstsein, voll mit emotional berührenden Einzelschicksalen.

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