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»Kein Nutzen für die Volksgemeinschaft«

Die Historikerin Edith Sheffer arbeitet mit dem Wirken Hans Aspergers ein dunkles Kapitel der Medizingeschichte auf.

Die Diagnose »Autismus« konnte im Nationalsozialismus ein Todesurteil bedeuten. Die Historikerin Edith Sheffer vom Europe Center der Stanford University in Kalifornien arbeitet am Beispiel des österreichischen Kinderarztes und Heilpädagogen Hans (eigentlich: Johann Friedrich Karl) Asperger (1906–1980) heraus, wie sehr die Beurteilung eines Patienten von den gesellschaftlichen Werten und medizinischen Institutionen im Deutschen Reich geprägt war.

Die Autorin zeigt Asperger als einen von der nationalsozialistischen Bewegung faszinierten Menschen, der in sein Tagebuch notierte, dass »ein ganzes Volk in eine Richtung« gehe, »in ungeheuerer Zucht und Disziplin, mit einer furchtbaren Schlagkraft. Nurmehr Soldaten, soldatisches Denken – Ethos – germanisches Heldentum.« Zum Aufbau der anvisierten deutschen Volksgemeinschaft mussten auch Kinder angepasst, erziehbar und arbeitsfähig sein. Für jene, die sich sozial abgrenzten, entwickelte Asperger die Diagnose der »autistischen Psychopathie«. Darunter verstand der Mediziner einen Mangel an sozialem Empfinden. Im günstigsten Fall könne die Persönlichkeit korrigiert werden, so seine Ansicht. Wenn aber nicht – dann schien die Person keinen Nutzen für die Volksgemeinschaft zu haben.

Vorgeschichte eines Begriffs

Sheffer verdeutlicht, dass der Autismus-Begriff keineswegs neu war und Hans Asperger nicht der Einzige, der sich in den 1930er Jahren mit ihm auseinandersetzte. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857–1939) hatte ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals im Rahmen seiner Forschungen zur Schizophrenie verwendet, um den sozialen Rückzug der Patienten zu beschreiben. Später griffen sowohl Asperger als auch der in die USA emigrierte Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner (1894–1981) die Bezeichnung auf, um unabhängig voneinander zwei ähnliche Störungsbilder zu benennen.

Während Asperger zunächst noch die Heterogenität der Symptome betonte und davon sprach, dass autistische Kinder unter einer »Einengung ihrer Beziehungen zur Umwelt« litten, urteilte er Jahre später, sie seien »eine Gruppe abnormer Kinder ohne Gefühlsbeziehungen zur Umwelt«. Ziel sei es daher, die Kinder zu einer »erträglichen Anpassung« zu bringen, damit sie in der Gemeinschaft funktionieren könnten. So übernahm er mit der Zeit die Werte und Wörter des nationalsozialistischen Regimes.

Sheffer legt dar, dass sich dem ehrgeizigen Mediziner nach der Annexion Österreichs im März 1938 neue Karrierechancen boten, da jüdische und nicht regimetreue Ärzte in Wien ihre Stellen verloren. Durch dieses personelle Vakuum gelangte Asperger, der seit 1935 die Kinderklinik der Universität Wien leitete, als heilpädagogischer Berater in eine siebenköpfige Kommission, die im Auftrag der Wiener Gemeinde über die »Bildungsfähigkeit« von Kindern urteilte. Unter Bezug auf den Medizinhistoriker Herwig Czech von der Universität Wien verweist die Autorin darauf, dass diese Kommission an nur einem einzigen Tag 210 Kinder der Pflegeanstalt Gugging beurteilte. 35 von ihnen wurden in die Einrichtung »Am Spiegelgrund« überwiesen. Zudem empfahl Asperger laut Sheffer auch der nationalsozialistischen Verwaltung, bestimmte Kinder dorthin zu bringen.

Der Spiegelgrund war Teil der Heil- und Pflegeanstalt »Am Steinhof« und eine von insgesamt 37 Einrichtungen, in denen Ärzte und Pfleger Kinder und Jugendliche systematisch töteten, zum Beispiel durch Schlafmittel oder bei medizinischen Experimenten mit einem Tuberkulose-Impfstoff. Aus dem Spiegelgrund sind 789 solcher Fälle bekannt, die Gesamtzahl der Kindereuthanasie-Opfer wird auf 5000 bis 10 000 geschätzt. Dass diese Tötungen in Wien stattfanden, war der Öffentlichkeit bekannt. Sheffer berichtet, es sei im Oktober 1940 vor der Anstalt Steinhof sogar zu einer Demonstration gegen die Euthanasie gekommen, die von Polizei und SS aufgelöst werden musste. Es wirkt vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich, dass Asperger von den Vorgängen nichts gewusst hat. Zudem arbeitete er eng mit dem Psychiater und Euthanasie-Gutachter Erwin Jekelius (1905–1952) zusammen, der den Steinhof seit 1939 leitete und mit dem er 1941 die Wiener Heilpädagogische Gesellschaft gründete.

Asperger selbst hat eine Beteiligung am Euthanasieprogramm stets bestritten und beteuert, Kinder vielmehr gerettet zu haben. Sheffer führt dazu ein Interview aus dem Jahr 1977 an, in dem er erklärte, dass er etwa »die Zerebralgeschädigten nicht zur Vernichtung gemeldet« habe und trotz Beauftragung nicht bereit gewesen sei, »dem Gesundheitsamt die Schwachsinnigen zu melden«. Dafür habe ihm in zwei Fällen sogar die Verhaftung durch die Gestapo gedroht. Laut der Autorin sind für diese Behauptungen aber bislang keine Belege gefunden worden – im Gegensatz zu den Überstellungen von Kindern an den Spiegelgrund.

Dass Asperger in der Nachkriegszeit weiterhin Karriere machen konnte, führt die Autorin auf ein erneutes personelles Vakuum zurück. Denn nachdem er vom Vorwurf freigesprochen worden war, sich an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt zu haben, konnte er offenbar die Entlassung belasteter Kollegen nutzen, um in frei gewordene Stellen aufzurücken. So war er schon 1946 Interimsdirektor der Wiener Universitätskinderklinik.

In ihrer detaillierten Analyse betrachtet Sheffer nicht nur das ambivalente Verhalten Aspergers. Vielmehr beleuchtet die Historikerin die Folgen einer überzeugten oder auch pragmatischen Anpassung an ein verbrecherisches Regime. Das Buch ist Lesern zu empfehlen, die sich mit einem dunklen Kapitel der Medizin- und Psychiatriegeschichte sowie mit den Euthanasieverbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzen möchten.

04/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04/2019

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