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Die Chemie als Metapher

Georg Schwedt hat sich als Autor von populärwissenschaftlichen Büchern über alltägliche Chemie einen Namen gemacht, und in vielerlei Hinsicht ist das neue Buch "Chemie und Literatur – ein ungewöhnlicher Flirt" eine konsequente Fortsetzung seiner bisherigen Arbeit. Er führt dem Leser nun vor Augen, wie die chemische Durchdringung menschlicher Lebenswelten in die Kultur zurückgewirkt hat. In jedem der 30 Kapitel klopft er ein Werk der Weltliteratur auf den chemischen Gehalt ab. Der chronologisch geordnete Reigen beginnt mit dem mittelalterlichen Dichter Dante Alighieri und endet an der Schwelle zum 21. Jahrhundert mit dem Bestseller "Das Parfüm" von Patrick Süskind.

In der Literatur ist Chemie selten nur Chemie allein. Am ehesten noch dort, wo sie quasi als Hintergrundinformation auftaucht, zum Beispiel als Attribut bestimmter Berufsstände wie bei Brant oder in der literarischen Verarbeitung eines Umweltskandals vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Chemie als Metapher für den Menschen und seine Welt hat in der Geistesgeschichte eine lange Tradition, auf die der Leser von Schwedts neuem Buch immer wieder zurückgeführt wird.

Für die Alchemisten des Mittelalters und der frühen Neuzeit war die angewandte Chemie mehr als nur ein Mittel zur Stoffumwandlung. Wie die Stoffe durch verschiedene Tinkturen veredelt und durch den Stein der Weisen schlussendlich zu Gold werden würde, so sollte auch die Seele durch den Lapis Philosophorum zu höchster Vollkommenheit geführt werden. Viele Autoren haben in der Chemie aufschlussreiche Parallelen zwischen materieller und immaterieller Welt gefunden. Gelegentlich ist diese Parallele so offensichtlich wie bei den Alchimisten oder in Goethes "Wahlverwandtschaften", der ja zu Recht als chemischer Roman gilt.

In der Literatur der Moderne gewann die Chemie eine neue Dimension als vielseitige Metapher für die kulturellen, technischen und sozialen Umwälzungen der Industrialisierung. Theodor Fontane ließ seinen fortschrittsmüden Graf Stechlin in den Schwefelsäureflaschen das Mittel der Generalweltanbrennung erblicken – nicht so sehr physisch, sondern als Metapher für die Erosion des Überkommenen durch die heraufziehende Technisierung. Für Angriff und Zersetzung hat die Chemie dem Dichter ebenso eindrückliche Bilder geliefert wie für Aufbau und Wandel. Schwedt hat sich sichtlich bemüht, dieser Spannweite genügend Raum zu lassen.

Diese Materialfülle zu einem einzelnen Thema bekommt nach einer Weile eine leicht lexikalische Anmutung. Schwedt verhindert allerdings gekonnt, dass der Leser über der Aufzählung ermüdet. Für jeden Autoren wählt er unterschiedliche Ansätze, sich dem chemischen Teil des Werkes zu nähern. Neben ausführlichen historischen Erklärungen und biografischen Informationen hat er keine Scheu, seitenlange Auszüge weit gehend kommentarlos für sich selbst sprechen zu lassen, wenn er es für angemessen hält. Das Ergebnis ist nicht nur kurzweilig, sondern ausgesprochen erhellend.

Chemische Metaphern sind aus der Alltagskultur und den Massenmedien heute vollständig verschwunden, denn kaum einer würde sie noch verstehen. So ist dieser Ausflug in die Kulturgeschichte der Chemie auch ein Besuch einer vergangenen, reichen Bilderwelt, deren weit gehender Verlust uns alle ein wenig ärmer gemacht hat.
7. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 7. KW 2010

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