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"Das Wissen geht vom Volk aus"

Peter Finke hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Vor acht Jahren legte der Professor für Wissenschaftstheorie und Kulturökologie aus Protest gegen die Bologna-Reform sein Amt nieder. Jetzt hat Finke ein provokantes Buch geschrieben, in dem er seine Ideen für eine neue Form der Wissenschaft und für mehr Bildungsgerechtigkeit vorstellt.

Den Schlüssel hierfür sieht Finke in der "Citizen Science", dem Betreiben von Wissenschaft durch Bürger. Per Computerspiel helfen Laien den Forschern beispielsweise, auf Mikroskopaufnahmen der Netzhaut Verbindungen zwischen den Nervenzellen zu markieren – selbst modernste Computerprogramme sind hierzu alleine noch nicht in der Lage. Oder Amateure stellen die Leistung ihrer PCs zur Verfügung, um nach außerirdischem Leben zu suchen, oder kennzeichnen in mühevoller Kleinarbeit Fische auf Unterwasserfotos. Allesamt Aufgaben, die Wissenschaftler aufgrund der schieren Menge an zu verarbeitenden Daten allein nicht schaffen können.

Jedoch beschränkt Citizen Science sich nicht auf eine Dienstleistung für Profiforscher an Universitäten und Instituten, wie Finke in seinem Buch ausführt. Er analysiert die Bürgerwissenschaft und ihren historischen Hintergrund und kommt zu dem Schluss, dass die reinen "Zuarbeiter" den wissenschaftlichen Hintergrund ihrer Tätigkeit tatsächlich oft kaum durchdringen. Darüber hinaus aber – und dieser Erscheinungsform misst er mehr Gewicht bei – gebe es jene Bürgerwissenschaft, die ihren Ursprung in der Mitte der Gesellschaft habe und auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicke: von der Hobby-Vogelkunde über lokale Geschichtsforschung bis hin zu Fragen der Ernährung und Gesundheit.

Finke beschreibt die Citizen Science in ihren zahlreichen Fassetten. In kurzen Zitaten lässt er etwa eine Verkäuferin zu Wort kommen, die aus purem Interesse Pilzexpertin wurde, gibt eine Verwaltungsangestellte wieder, die zwecks Umweltschutz den Pflanzbewuchs kartiert, oder stellt eine Ärztin vor, die sich in Kernenergie einarbeitet. Solcher bodenständiger Wissenschaft will der Autor zu mehr Akzeptanz verhelfen. Und verteilt dabei Schelte in viele Richtungen. Vertreter des Wissenschaftsbetriebs werden sicher schlucken bei Sätzen wie: "Professional Science ist [...] von Denk- und Organisationsstrukturen durchzogen, die eher dem Machtdenken von Wirtschaft und Politik entstammen als dem Wahrheitsdenken der Wissenschaft" oder "Grundsolide, aber langweilig: So sieht heute ein Großteil der professionellen Wissenschaft aus".

Laut dem Autor wird die institutionalisierte Forschung durch allerlei Regeln und ökonomische Zwänge in ein enges Korsett gepresst, das ihr kaum noch Handlungsspielräume lässt. Hierdurch würden zwar einige Fachgebiete gefördert, andere dafür aber umso stärker vernachlässigt. Die Bürgerwissenschaft sei ein potenzieller Ausweg aus dieser Misere und könne eine "Wissenschaft neben der Wissenschaft" darstellen. Finke ist sich sicher: Die Experten haben das Wissen der Laien bisher nicht ernst genug genommen.

Man müsse von einem Wissenschaftsbild wegkommen, das sich zu sehr auf den professionellen Forschungsbetrieb verenge, schreibt Finke. Er regt an, natur- und geschichtswissenschaftliche Vereine finanziell stärker zu unterstützen sowie Initiativen und Netzwerke zu fördern, in denen "bodenständige" Wissenschaft betrieben werde. Vor allem aber hebt er die Bedeutung bürgerlichen Engagements hervor. So fasst er beispielsweise die Protestler gegen das Projekt "Stuttgart 21" sowie gegen das Atommülllager Gorleben als Bürgerwissenschaftler auf, deren Expertise nicht die gebührende Beachtung erfahren habe.

Das Buch ist verständlich geschrieben, bleibt aber dennoch an vielen Stellen schwer greifbar. Häufig verschwimmt die Grenze zwischen Analyse der "Bürgerwissenschaft" und umfassender Gesellschaftskritik. Das liegt zum Teil sicher am fließenden Übergang zwischen dem Gegenstand der Kritik, dem professionellem Forschungsbetrieb, und der Laienwissenschaft. Finke möchte sein Buch nicht als Generalangriff auf die institutionalisierte Wissenschaft verstanden wissen. Vielmehr spricht er sich dafür aus, Profis und Amateure mögen sich gegenseitig respektieren und anregen. Dabei scheut er allerdings nicht vor deutlichen Worten.

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