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Leben da draußen

Ich war gespannt auf dieses Buch. Worum geht es beim Thema "Astrobiologie" von Gerda Horneck und Petra Rettberg? Als erstes kam mir die Assoziation mit "SETI", der Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen – ein eher spekulativer Teil der Wissenschaft. Ein Blick ins Stichwortverzeichnis brachte aber keinen Hinweis auf diesen oder ähnliche Begriffe. Es geht also um etwas anderes: Hier wird handfeste aktuelle Forschung und Technologie beschrieben, deren Ziel es ist, biochemische Prozesse im Kosmos nachzuweisen. Dabei stehen die Planeten des Sonnensystems eindeutig im Vordergrund.

Unter diesen Planeten ist Mars der nächste und vielversprechendste. Der Rote Planet wurde bereits in den 1970er Jahren von den amerikanischen Viking-Sonden vor Ort untersucht. Die biochemischen Experimente ergaben aber keine klaren Ergebnisse. Die Oberfläche und insbesondere der Untergrund, wo man Wasser vermutet, ist nach wie vor der heißeste Anwärter für "Leben" außerhalb der Erde. Wenn irgendwann eine Erfolgsmeldung kommt, dann wahrscheinlich von hier – und nicht von einem Radioteleskop!

Das Buch geht aber über den Mars weit hinaus – sowohl räumlich als auch inhaltlich. So werden die Monde Titan und Europa ausführlich diskutiert, Exoplaneten werden dagegen nur gestreift. Immer wieder verblüffend ist dabei die fachübergreifende Herangehensweise: Es gibt kaum ein Gebiet der Astronomie, das so viele Disziplinen vereint: Physik, Chemie, Biologie, Raumfahrt, Geologie, Meteorologie – bis hin zur Philosophie, die die "Einzigartigkeit" des irdischen Lebens mittlerweile kritisch diskutiert.

Der vorliegende "Kurs" ist alles andere als spekulativ: Zwanzig anerkannte Experten befassen sich in 13 Kapiteln detailliert mit der Frage, unter welchen Bedingungen Leben außerhalb der Erde entstehen kann und wie wir solches nachweisen können. Grundlage waren Vorlesungen der Autoren. Für die Herausgeber, Gerda Horneck und Petra Rettberg, beides anerkannte Experten, bedeutete es sicher ein großes Stück Arbeit, diese Vielfalt unter einen Hut zu bringen. Sie haben die Sache aber gemeistert: Herausgekommen ist keine lose Sammlung von Einzelbeiträgen, sondern ein homogenes Lehrbuch, das kaum Fragen unbeantwortet lässt – außer der eigentlichen "Existenzfrage" natürlich.

Das erste Kapitel ist ein Muss: Hier wird ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung gegeben. Es folgt ein Beitrag von ähnlichem Kaliber, in dem der Leser eine Reise "From the Big Bang to the Molecules of Life" macht. Weiter geht es mit irdischer Biochemie von ihrer präbiotischen Phase bis hin zur Entwicklung zellularen Lebens. Behandelt werden die Bedingungen auf der frühen Erde sowie der Einfluss von Kometen und Mikrometeoriten, die wichtige organische Verbindungen geliefert haben. Im fünften Kapitel geht es um Lebewesen, die unter extremen Umweltbedingungen existieren, so genannte "Extremophile". Dieses Thema liefert auch den Übergang von der Erde zu anderen Planeten. Schwerpunkt ist zunächst die "Habilitability", also die Frage nach den Voraussetzungen für Bewohnbarkeit, abhängig von himmelsmechanischen, planetologischen und meteorologischen Faktoren. Diskutiert wird auch die Möglichkeit von Leben, das andere Bausteine nutzen könnte – jenseits von Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. Abschluss des Buchs bilden die Kapitel über durchgeführte und zukünftige Raumfahrtmissionen. Ausführlich behandelt werden der Mars, der Jupitermond Europa, bei dem ein "Ozean" unter der Oberfläche vermutet wird, sowie der Saturnmond Titan mit seinen tiefgekühlten probiotischen Prozessen.

Zielgruppe des Buchs sind in erster Linie Studenten oder Doktoranden der naturwissenschaftlichen Disziplinen, zumal es in Englisch geschrieben ist und – nicht nur wegen der Form – gehobenen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das sollte aber den interessierten Laien nicht abschrecken, sind doch die Beiträge gut strukturiert und verständlich geschrieben. Viele Schwarzweiß-Abbildungen und Grafiken sowie die Zusammenfassung am Kapitelanfang erleichtern das Lesen. Ein gewisses Grundwissen ist natürlich nicht hinderlich; das sollte aber bei Personen, die sich für dieses spezielle Thema interessieren, vorhanden sein. Auf physikalische oder chemische Formeln wird nicht verzichtet, trotzdem ist das Niveau nicht übertrieben hoch.

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch – nicht nur für Spezialisten. Allerdings wird es kaum jemand durchlesen wie einen Roman. Dazu ist es zu sehr Lehrbuch, aber eben ein besonders gutes und hochaktuelles. Die Autoren garantieren für einen Standard, der kaum Wünsche offen lässt: Wenn man etwas über das Thema "Astrobiologie" auf profunde Weise erfahren kann, dann sicher hier. Es lohnt also, sich einzelne Kapitel gezielt vorzunehmen (sie sind dazu unabhängig genug). Beginnen sollte man aber unbedingt mit dem ersten: ein perfekt geschriebener Einstieg ins Thema. Wer selbst unterrichtet, dem wird die beigefügte CD mit Powerpoint-Präsentationen aus Vorlesungen der Autoren nützlich sein.
03.01.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03.01.2008

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