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Was macht den Mensch zum Menschen?

Gleich im Titel beantworten Hans Markowitsch und Harald Welzer eine oft gestellte Frage: Was macht den Menschen zum Menschen, was unterscheidet ihn von anderen Primaten? Es ist das "autobiographische Gedächtnis", die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in seiner Lebensgeschichte zu verorten.

Dieses Gedächtnis zu entwickeln braucht ein gewisses Niveau der Gehirnreifung und viel Zeit: ab einem Lebensalter von drei bis fünf Jahren bis ins Erwachsenenalter. Aber es entsteht nicht im Rahmen eines autonom ablaufenden biologischen Vorganges, sondern eines Prozesses des sozialen und kulturellen Lernens. Somit bestimmen Gesellschaft, Kultur und Geschichte das autobiographische Gedächtnis mit. Es bildet sich im Rahmen unablässiger Kommunikation und ist extrem anfällig für Suggestion. Wir bauen nicht nur unsere eigenen Erinnerungen in unsere Biographie ein, sondern übernehmen vieles aus dem allgemein geteilten Erfahrungs- und Erlebnisschatz unserer Kultur und unserer Zeit, ohne es zu merken.

Mit der Entwicklung von Gedächtnis und Sprache eröffnet sich im Alter von zwei bis drei Jahren für das Kind "die Welt des Symbolischen" (S. 196). Das "kognitive Selbst", also eine Vorstellung von sich selbst, entsteht um das dritte Lebensjahr. Etwa ein Jahr später fangen Kinder an zu verstehen, dass Erinnerungen nicht beliebig sind und allen zur Verfügung stehen, sondern eine Quelle beziehungsweise einen Ich-Bezug aufweisen – wichtige Schritte, die Voraussetzung sind für ein autobiographisches Gedächtnis.

Die Autoren verfolgen einen transdisziplinären Ansatz aus Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie und Physiologischer Psychologie; die hirnorganischen Grundlagen, vor allem die Reifung und Veränderung des Gehirns in der frühen Kindheit, werden ausführlich vermittelt, teilweise in separaten, grau unterlegten Kästen, sodass der weniger interessierte Leser einige dieser Abschnitte überspringen kann.

Selbstverständlich berücksichtigen Markowitsch und Welzer die Erkenntnisse der neueren Neurowissenschaften, zeigen aber auch deren Grenzen auf. Der wohl zentralste Kritikpunkt ist, dass die Neurowissenschaften sich mit einzelnen Gehirnen befassen, ihre Theoriebildung also individualistisch, nicht sozial ist; Bewusstsein entsteht aber im Rahmen sozialer Interaktion.

Zwar dauert die Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses bis ins dritte Lebensjahrzehnt. Doch leider schildern die Autoren nur die Vorgänge während der frühen Kindheit, also eigentlich die Entwicklungsschritte hin zur Bildung des autobiographischen Gedächtnisses. Danach erfolgt ein Sprung zu den Abbauprozessen im hohen Alter. Wie und in welchen der verschiedenen Bereiche des Gedächtnisses insgesamt diese verlaufen, wird auf rund 30 Seiten nur knapp skizziert. Gerade angesichts der weit ausgreifenden Betrachtungen in der Einleitung und der vielen interessanten, hier angerissenen Fragen hätte man sich zu Adoleszenz und Erwachsenenalter mehr gewünscht. Aber vielleicht wird dies den Stoff für ein weiteres Buch liefern.

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