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Widersprüchliche Natur

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", forderte einst Goethe. Doch im Alltag erreichen wohl nur wenige dieses Ideal. Einige Wissenschaftler haben dafür eine Erklärung parat. Sie behaupten, der Mensch sei eine egoistische Genmaschine, nur bestrebt zu überleben und seine Gene weiterzutragen. Zudem stamme er von wilden Tieren ab und sei noch lange nicht gezähmt. Erfahrungen aus Geschichte und Alltag sowie das Verhalten mancher Manager scheinen diese Annahmen zu bestätigen.

Doch so schlecht ist der Mensch gar nicht, glaubt der Soziologe und Psychologe Rolf Degen. In jüngster Zeit haben Forscher so viele gute Seiten an uns entdeckt, dass Degen "das Ende des Bösen" verkündet: Wir haben gute Chancen, das Goethe’sche Ideal zu erreichen, denn wir sind von Natur aus durchaus hilfsbereit, ja sogar selbstlos. Und dafür braucht es nach Degen weder den Glauben an einen Gott noch gesellschaftliche Gebote und Verbote: Seine Moralvorstellungen bringt der Mensch bereits mit auf die Welt.

Der Journalist Degen hat etliche Untersuchungen zusammengetragen und daraus eine Kernaussage destilliert: Moral gründet sich auf ein Repertoire "urzeitlich geformter Gefühle". Das Beweismaterial dafür liefern ihm Psychologie, Hirnforschung, Wirtschaftswissenschaften und vergleichende Verhaltensforschung. Als Studienobjekte dienen dabeiVerliebte, Verwandte und Kriminelle, die immer wieder als Beispiele für das Gute oder das Böse im Menschen herhalten müssen.

So leuchtet auch Degen die bekannten Phänomene aus. Wie schon andere Autoren zieht er beispielsweise klassische Paradigmen wie das Gefangenendilemma heran und sammelt Ergebnisse, die seine Kernthese stützen. Dabei hält er sich nie lange bei einem Gedanken auf. Locker und gut lesbar reiht er die Fakten aneinander und widmet sich Gefühlsregungen wie Scham, Mitleid und Ekel. Der Stil ist journalistisch solide: eine kurze Darstellung, anschaulich untermauert mit Zitaten von Experten.

Die systematische theoretische Einordnung fällt jedoch sehr dürftig aus. Der Autor verzichtet darauf ebenso wie auf Ausführungen gesellschaftlicher, politischer oder juristischer Konsequenzen seiner Hypothese. Auch zentrale Begriffe wie die Moral sowie genetische Grundlagen erörtert er nicht hinreichend – obwohl der Umschlagtext ausdrücklich betont, dass die Moral in den Genen stecke. Außerdem nimmt sich Degen nicht die Zeit, seine Experten und deren fachlichen Hintergrund vorzustellen. So erfährt der Leser nicht, wes Geistes Kind die Gewährsmänner sind.

Der Autor bezieht keine ideologische Gegenposition zum Glauben an das Böse. Das ist kein Nachteil, denn nicht jedes Buch braucht ein ideologisches Korsett. Degen führt uns die widersprüchliche Natur des Menschen vor und erinnert an seine guten Seiten. Es ist nicht das schlechteste Verdienst, wenn er uns hilft, das Gute im Menschen zu erkennen.
  • Quellen
Gehirn und Geist 3/2008

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