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Das Gehirn im Doppelpack

Bis hinein in das Feuilleton reden sich Wissenschaftler und Philosophen über Themen wie Willensfreiheit und Neurotheologie die Köpfe heiß. Da besteht zweifellos Bedarf an einem Buch, das die Hirnforschung auch für Leser ohne Vorwissen verständlich darstellt. Genau das wollen sowohl Hans Günter Gassen als auch Norbert Herschkowitz leisten.

Das Werk des emeritierten Biochemikers Gassen ist auf den ersten Blick übersichtlich und attraktiv gestaltet. Jede Seite ist großzügig und farbig illustriert, meist in guter Qualität. Viele der Illustrationen sind wissenschaftlichen und medizinischen Lehrbüchern entnommen. Dazu ist der Text mit zahlreichen Tabellen und Diagrammen aufgelockert.

Nach einem Einführungskapitel über die Evolution des Menschen skizziert Gassen die Geschichte der Hirnforschung, klärt über den Aufbau des Gehirns und die Funktionsweise der Neuronen auf. Er zeigt dem Leser die komplizierte Hirnanatomie und macht dabei klar, wie wenig wir bisher über die Funktion einzelner Bereiche wissen. Ein ganzes Kapitel ist den bildgebenden Verfahren gewidmet. Das ist wichtig, wissen doch die wenigsten Menschen, wie die bunten Hirnscans wirklich zu Stande kommen.

Viele Teilbereiche des weiten Feldes Hirnforschung kommen zur Sprache: Grundlagen des Gedächtnisses, hormonelle Belohnungssysteme, Hirnkrankheiten, Reizübertragung in den Neuronen und an den Synapsen sowie Geschichte der Traumdeutung. Dabei behandelt der Autor sowohl anatomische und molekulare als auch psychologische Aspekte.

Weiter geht es mit Randbereichen wie der Funktion der Sinne und der Kopfanatomie. Das Kapitel zur Neurogenetik befasst sich auch mit den Grundlagen der Vererbung und der Frage nach angeborenem oder erlerntem Verhalten. Immer wieder reißt der Autor philosophische Fragen an. Ein Kapitel über das Problem der Willensfreiheit darf natürlich nicht fehlen.

Eine gewisse Konzeptlosigkeit kann Gassen dabei nicht verbergen. Die Auswahl und Reihenfolge der Themen wirkt bisweilen etwas chaotisch, der anfangs noch erkennbare rote Faden geht schnell verloren. Das größte Manko des Buchs aber ist seine Sprache. Permanent springt der Autor zwischen Plauderton und akademischem Jargon hin und her. Oft ist seine Wortwahl für eine breite Leserschaft zu trocken und zu schwierig. Herausgekommen ist eine sehr sperrige Mischung aus populärwissenschaftlichem Werk und Lehrbuch.

Dazu kommen einige ärgerliche sachliche Fehler. Gassen schreibt etwa, der Begriff "Körper-Seele-Dualität" bezeichne den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Das ist so nicht richtig. Das berühmte Libet-Experiment verlegt der Autor ins Jahr 1970 – fast zehn Jahre zu früh. Und natürlich zählen Bakterien, anders als im Buch behauptet, sehr wohl zu den Lebewesen.

Den Anspruch des Klappentextes, "auch dem Laien die Geheimnisse unseres Gehirns verständlich zu machen", kann Gassen nicht einlösen. Der Neurowissenschaftler und Kinderarzt Norbert Herschkowitz geht an dasselbe Thema – mit demselben Buchtitel – ganz anders heran. Sein schmales Bändchen, in der Reihe "Was stimmt?" erschienen, kann sich an der opulenten Aufmachung von Gassens Buch nicht messen, es kommt eher nüchtern daher.

Herschkowitz erhebt auch gar nicht erst den Anspruch, das gesamte Spektrum der Hirnforschung vorzustellen. Er behandelt populäre Behauptungen über das Gehirn, von "Wir nutzen nur neun Prozent unseres Gehirns" bis "Frauen denken anders als Männer". Zu diesen nimmt er jeweils einige Seiten lang Stellung und versucht, moderne Mythen von Fakten zu trennen.

Sein Stil ist sachlich, klar und für Laien stets verständlich. Der Autor nimmt auch auf neueste Forschungsergebnisse Bezug. Auf den wenigen Seiten seines Büchleins kann er keine erschöpfende Darstellung unterbringen; aber ein erster Überblick ist ihm gelungen. Herschkowitz schafft es, die wichtigsten Probleme der Hirnforschung fachkundig und kompakt auf den Punkt zu bringen.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 8/2008

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