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Erde als Geschenk?

Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht so recht, was ich mit diesem Buch anfangen soll. Ist es eine Darstellung der Astrophysik? Ist es eine theologische Schrift? Nach Absicht des Autors, Professor für Astrophysik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, soll es eine Art Synthese von beidem sein. Nur, wie kann das gehen, grenzt er doch Religion immer wieder klar von der Naturwissenschaft ab? So wendet Arnold Benz sich in seinem Werk "Das geschenkte Universum – Astrophysik und Schöpfung" gegen "Physikotheologie" und ist auch bei christlichen Dogmen wie religiös motivierten Aussagen über das Universum und seine Evolution (Kreationismus, Intelligent Design) eher skeptisch. Er sieht Gott auch nicht als Lückenbüßer, das heißt, was wir (noch) nicht wissen, könnte "übernatürlich" sein. Gott thront also nicht hinter dem Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs.

Was bleibt dann noch übrig? Eigentlich nur die reduktionistische Naturwissenschaft mit ihrem Zyklus von Experiment und mathematisch formulierter Theorie der physikalischen Zusammenhänge. Kein Zweifel, hier hat die Wissenschaft Erstaunliches geleistet, wie der Autor in seiner kurzen, verständlichen Darstellung der modernen Astrophysik erläutert. Allerdings findet sich nicht viel Neues und es gibt ausführlichere Bücher zum Thema.

Die eigentliche Intention Benz' zeigt sich im irritierenden Titel und Untertitel des Buchs. Das physikalische Weltbild ist danach nur die eine Seite der Medaille: Die Erlebniswelt des Menschen ist größer als der Bereich der Naturwissenschaft. Folglich konzentriert sich der Autor auf die persönliche Erfahrung: das Staunen und Erschrecken gegenüber dem Universum, dessen faszinierende Struktur mit Kunst in Form von Musik, Gedichten und Gemälden (Ikonen) in Zusammenhang gebracht wird.

Wer sich, nach Benz, auf eine "teilnehmende" Wahrnehmung einlässt, für den erscheint die Natur in ihrer überraschenden Schönheit und Komplexität als "Geschenk". Sie ist demnach eine "Schöpfung", die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst. Die Erkenntnis eines kosmischen Sinnzusammenhangs führt automatisch zu "Gott". Der Mensch, ausgestattet mit Bewusstsein und Gefühlen, ist also der Schlüssel. Da alle Verbindungen zum "physikalischen" Universum gekappt sind ("Gott ist nicht zu sehen in der Feinabstimmung, im Urknall oder im Entstehen von Sternen oder Leben"), resultiert aus dieser religiösen Deutung natürlicher Phänomene nur eine Art "mystischer" Gott.

Eine solche Vorstellung scheint mir überflüssig. Staunen über das Entstehen des Kosmos mit dem Urknall und seiner Bestandteile Sterne, Planeten und Lebewesen, Erschrecken über Bedrohungen durch Asteroiden, Rote Riesen oder Schwarze Löcher sowie sein dunkles Schicksal durch ewige Expansion oder Zerfall der Materie sind auch ohne Gott möglich. Ob man dabei Naturwissenschaft ins Spiel bringt oder nicht, ist letztlich irrelevant. Sie ist allerdings hilfreich bei gedanklichen Reisen durch Raum und Zeit. Mir hat sich dabei allerdings noch kein höheres Wesen offenbart. Letztlich ist nicht klar, wie die Religiosität des Autors einzuordnen ist: Sie schwankt irgendwie zwischen einem Deismus Leibniz' und dem Pantheismus Spinozas oder Einsteins.

Fazit: Wer an Gott glaubt, würde wohl mehr von diesem Buch erwarten, denn das gängige christliche Weltbild wird weit gehend auf die teilnehmende Wahrnehmung des Einzelnen, als Akt des Bewusstseins, reduziert. Alle anderen Leser dürften die hier präsentierte Verbindung von "Astrophysik und Schöpfung" nicht überzeugend finden und sich wohl eher darin bestärkt sehen, dass Religion Menschenwerk ist. Ist es wirklich notwendig, die Welt als "Geschenk" zu deuten und ihr damit einen Sinn einzuhauchen?
37. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37. KW 2009

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