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Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das steht seit gut 70 Jahren im Grundgesetz, und die Gesellschaft versucht, sich an diesem Grundsatz zu orientieren. Aber irgendwie unterscheiden sich die beiden Geschlechter doch. Der Mann fühlt und lebt einfach anders. Er kämpft um seinen Platz in der Rangordnung, versucht weibliche Wesen zu beeindrucken – und neigt dazu, häufig an "das Eine" zu denken.

Für viele Frauen sind derlei Verhaltensweisen oft schwer verständlich, ja mitunter lächerlich. Und sie machen das Zusammenleben nicht einfacher. Die Partnerin, die ohne ihren eifersüchtigen Begleiter keinen Schritt vor die Haustür tun darf; die schockierten Damen, die sich gerade als die Ursache für eine Prügelei ihrer Anbeter erkennen; die Mutter, die Mühe hat, ihren Sohn vom Computerspiel zu den Hausaufgaben zu holen – sie alle fragen sich: Muss das sein? Ist es ein Erziehungsfehler, oder sind Männer einfach so?

Die amerikanische Psychiaterin und Neurobiologin Louann Brizendine beschreibt in ihrem neuen Buch, was sich im Gehirn und Hormonsystem des Mannes abspielt und welche Auswirkungen dies auf sein Verhalten und seine Gefühle hat. Sie schildert chronologisch jede Epoche seines Lebens, vom kleinen Jungen bis zum gütigen Großvater. Vor allem Punkte, die immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten führen, erklärt die Autorin als natürliche Folge der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Gehirn. Und entgegen vielen Vorurteilen stellt sie heraus, dass Männer weit komplexer reguliert werden, als die meisten Leute glauben.

Das Werk ist eine interessante Kombination aus Sachbuch und Hobbylektüre. Anhand von Erlebnissen ihrer Patienten und eigenen Erfahrungen als Mutter und Ehefrau stellt Brizendine die Eigenschaften des starken Geschlechts dar und führt sie auf neurobiologische und hormonelle Ursachen zurück. Wem die kurze und verständliche Beschreibung innerhalb der einzelnen Kapitel nicht reicht, der findet in den mehr als 400 Endnoten die Kernaussagen der Studien, die als Quellen dienten. Deren Aufzählung erfordert immerhin 69 Seiten Literaturverzeichnis!

Entspannende Einsichten

Für die meisten Leserinnen ist es sicher hilfreich zu erfahren, dass das Lustzentrum des Mannes ihn automatisch dazu veranlasst, einer attraktiven Frau nachzuschauen, egal wie verliebt er in die Seine ist. Oder dass er unter Einfluss von Testosteron dazu neigt, auch neutrale Gesichter seiner Geschlechtsgenossen als unfreundlich oder aggressiv wahrzunehmen. Schon das Wissen um solche Kleinigkeiten kann den Alltag in Partnerschaft und Familie ruhiger und angenehmer gestalten.

Louann Brizendine hat jedoch keineswegs die männlichen Hormone ins Zentrum ihrer Forschung gestellt – im Gegenteil: Als Professorin für Neuropsychiatrie an der University of California (bis 2007) beschäftigte sie sich vor allem mit weiblichen Hormonen und Stimmungslagen. In der von ihr 1994 gegründeten Women’s Mood and Hormone Clinic in San Francisco behandelt sie sowohl Frauen als auch Paare. So hieß ihr erstes Buch denn auch "Das weibliche Gehirn". Ihre langjährigen Erfahrungen mit den Sorgen und Streitthemen von Männern und Frauen kann man gut aus dem Werk herauslesen.

Die Texte sind amüsant und bildreich geschrieben. Vom "Steuerknüppel in der Hose" bis zum "Club der einsamen Herzen" bringen den Leser viele Beschreibungen zum Schmunzeln. Dennoch bleibt es ein Sachbuch, das logisch und strukturiert Wissen vermittelt. Häufig sieht die Autorin die Ursachen der männlichen Handlungen in unserer evolutionären Vergangenheit – der Mensch ist eben immer noch ein Tier. Das Buch ist auch für Laien gut verständlich, weil Brizendine die entscheidenden Hirnareale und Hormone gleich am Anfang kurz erläutert. Auffällig ist, dass der wissenschaftliche Anhang fast die Hälfte des Buchs ausmacht. Es war der Autorin offenbar wichtig, jede ihrer Thesen zu untermauern.Zunächst entsteht der Eindruck, als wolle das Buch im Wesentlichen den Frauen helfen, die Männer besser zu verstehen. Aber meiner Meinung nach ist es für beide interessant – sie durchschaut endlich den Hintergrund vieler seiner Verhaltensweisen, während er sich freut, sich selbst besser zu verstehen. Auch wenn sich nicht jeder Mann in den oft etwas extremen Beispielen wiederfindet – ich habe in fast jedem Fall einen Freund oder Verwandten gefunden, auf den sie passen. Alles in allem ein bemerkenswertes Buch: angenehm zu lesen, gut verständlich und mit Sicherheit eine Bereicherung für das Zusammenleben der Geschlechter.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 2/2011

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