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Sturm und Drang in den Köpfen

"Die Hormone sind schuld", so hieß es früher gerne, wenn Jugendliche mal wieder völlig außer Rand und Band gerieten. Doch seit einigen Jahren liefern auch die Neurowissenschaften wichtige Erkenntnisse zu diesem Thema. Zwei neue Bücher widmen sich nun den Umbauarbeiten im Gehirn von Heranwachsenden zwischen 13 und 20 Jahren.

In "Das pubertierende Gehirn" erklärt die Entwicklungspsychologin Eveline Crone von der Universität Leiden, warum Jugendliche zu Kurzschlusshandlungen und impulsivem Verhalten neigen. In dieser wichtigen Lebensphase befänden sich die Aktivitäten einzelner Hirnregionen im Ungleichgewicht. Während sich das besonnene Stirnhirn für die Reifung viel Zeit lasse, seien emotionale Hirnregionen wie die Amygdala oder das Belohnungszentrum hyperaktiv. Das adoleszente ­Gehirn reagiere übermäßig auf Belohnungen, suche immer wieder nach einem neuen Kick. Und als Spätentwickler könne das Stirnhirn der jugendlichen Impulsi­vität noch nicht genug entgegensetzen. Wie Teenager trotzdem lernen, Softskills zu entwickeln, und warum sie oft zu gro­ßen kreativen Leistungen fähig sind, erläutert Crone im Verlauf des Buchs.

Die Forschungslage ist allerdings nicht immer so eindeutig, wie die Autorin suggeriert. Noch dazu macht sie es sich manchmal etwas zu leicht, wenn sie Resultate aus Laborstudien auf komplexe ­Situationen in der Schule oder im Elternhaus überträgt. Dafür gelingt es ihr gut, neurobiologische Erkenntnisse verständlich darzustellen und die wissenschaftlichen Fakten immer wieder aufzulockern, indem sie Fallbeispiele aus dem realen Teenagerleben heranzieht.

Ganz anders das Buch des Herausgeberduos Peter Uhlhaas, Neurophysiologe am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirn­forschung, und Kerstin Konrad, Psychologin am Uniklinikum der RWTH Aachen. Sie haben eine Reihe von Expertenbeiträgen versammelt, die über unterschiedliche Aspekte der Adoleszenz berichten. Ambitioniert versucht der Band, dem Thema aus verschiedenen Perspektiven gerecht zu werden. Dazu ziehen die Herausgeber auch geistes- und sozialwissenschaftliche Sichtweisen heran. Ein Beitrag erläutert beispielsweise, wie das Thema Adoleszenz in der Belletristik erscheint.

Den breitesten Raum nehmen jedoch Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaften ein. Um den aktuellen Stand der Forschung zu dieser Entwicklungsphase abzubilden, beschreiben die versammelten Autoren unter anderem die hormonellen Veränderungen in der Pubertät, erläutern die strukturelle Hirn­entwicklung und schildern, wie sich die Botenstoffsysteme im Oberstübchen verändern. Dabei weisen sie auch auf widersprüchliche Studienergebnisse oder bestehende Erkenntnislücken hin. Im letzten Teil ziehen die Autoren die neuronalen Besonderheiten Jugendlicher heran, um eine besondere Anfälligkeit des Gehirns Heranwachsender zu erklären: Viele psychische Störungen wie Depressionen oder Schizophrenie brechen auffälligerweise in der Jugend aus.

"Das adoleszente Gehirn" wendet sich laut den Herausgebern an Studierende der Neurowissenschaften, der Psychologie, Medizin und Soziologie, aber ebenso an Fachleute aus der klinischen Praxis und der Lehre. Ein Nachteil des Buchs ist jedoch seine mangelnde Verständlichkeit, denn es ist von der oft sehr wissenschaftlichen Schreibe der jeweiligen Experten geprägt und setzt biologisches Fachwissen voraus. Die Herausgeber haben zwar ein Glossar mitgeliefert, doch dessen praktischer Nutzen bleibt fragwürdig, erklärt es doch nur wenige und eher grundlegende Begriffe wie Frontalkortex oder Halluzination.

Fazit: Eltern, die endlich begreifen möchten, was in den Köpfen ihrer Sprösslinge los ist, sollten eher zu Evelyn Crones Werk greifen. Wer sich dagegen wissenschaftlich mit der adoleszenten Hirnentwicklung auseinandersetzen will und einiges an Hintergrundwissen mitbringt, dem sei der Band von Uhlhaas und Konrad empfohlen.

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  • Quellen
Gehirn & Geist 3/2012

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