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Was Körper und Geist zusammenhält

Unser Bewusstsein scheint uns so vertraut und real, dass wir seine Natur selten hinterfragen. Schließlich erleben wir doch jeden Moment "bewusst", empfinden und speichern permanent Gefühle, Gedanken, Wünsche und Fantasien in einer reichen Innenwelt, zu der kein Fremder Zugang hat. So lebt jeder Mensch in seiner ganz privaten Erlebniswelt, seinem eigenen Universum.

Doch woher kommt dieses Erleben? Hat das Bewusstsein einen definierten Sitz im Gehirn, irgendwo zwischen den Milliarden Nervenzellen? Und wie hängt es mit der Biologie unseres Körpers zusammen?

Die Hirnforschung allein kann das Rätsel von Körper und Geist nicht lösen, meint der Innsbrucker Philosoph Hans Goller. Deshalb nähert er sich dem Gegenstand seines Buches sowohl von philosophischer als auch von neurologischer Seite. So referiert er die Patientenstudien des amerikanischen Neurologen Antonio Damasio, der seit Jahrzehnten das Verhalten von Hirnverletzten untersucht. Diese Forschungen zeigen, wie eng Gehirn und Geist miteinander verwoben sind.

Da ist zum Beispiel der berühmte Fall eines Patienten mit Decknamen Elliot, dem ein Tumor im Bereich der Stirnlappen, oberhalb der Augenhöhlen, entfernt werden musste. Nach der Operation war Elliot nicht mehr derselbe. Intelligenz, Denkvermögen, Sprache und Motorik funktionierten zwar noch, merkwürdigerweise war der Patient aber nicht mehr fähig, vernünftige Entscheidungen zu treffen oder einen Zeitplan einzuhalten. Die Hirnschädigung beschränkte sich auf den so genannten präfrontalen Cortex. Ob dies den Schluss zulässt, dass alle unsere Entscheidungen dort getroffen werden, ist unter Hirnforschern allerdings umstritten.

Ähnlich rätselhaft erscheint die Frau, die keine Angst empfinden konnte. Allen Menschen und Situationen begegnete sie mit einer übertrieben positiven Einstellung; negative Emotionen wie Furcht und Zorn waren ihr fremd. Wie sich herausstellte, litt die Patientin an einer beidseitigen Verkalkung des Mandelkerns, der Amygdala. Da allein deren Nervenzellen ausgefallen waren – bei gesundem umliegendem Hirngewebe –, scheint zumindest der Sitz des Angstgefühls im Gehirn genau lokalisierbar.

Doch Goller wäre kein Philosoph, wenn er nicht auch einige der klassischen Antworten auf das Leib-Seele-Problem vorstellen würde. Von Platon über Aristoteles und Thomas von Aquin bis hin zu René Descartes – sie alle fragten danach, wie ein immaterieller Geist einen kausalen Einfluss auf den Körper ausüben könne. Den umgekehrten Weg der Beeinflussung des Geistes durch den Körper hielt man dagegen lange Zeit für undenkbar. An der Erklärung einer solchen Wechselwirkung habe sich die Hirnforschung, so Goller, bis heute die Zähne ausgebissen. Und dabei werde es noch lange bleiben, denn das Bewusstsein entziehe sich standhaft seiner wissenschaftlichen Vermessung.

Ob man Gollers Ansicht teilt oder nicht, hängt wohl hauptsächlich davon ab, was genau man unter Geist und Bewusstsein versteht. Jedenfalls drängt sich nach dem Studium der verschiedenen Ansätze tatsächlich die Frage auf, ob wir jemals in der Lage sein werden, unser Bewusstsein zu verstehen. Vielleicht fehlt uns ja die Fähigkeit, eine übergeordnete Position einzunehmen, die es erst erlaubt, das Problem zu überblicken. Das wäre allerdings denkbar unbefriedigend und würde den Erkenntnishunger eher noch schüren. Gollers Buch hält hier viele Denkanstöße für interessierte Leser bereit.

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  • Quellen
Gehirn & Geist 5/2003

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