Mahnmal für den "Gnadentod"
Im Oktober 1939 unterzeichnete Adolf Hitler ein Schriftstück mit dem Auftrag, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Das Dokument setzte eine Mordmaschinerie in Gang, der in den folgenden Jahren mehr als 200 000 Psychiatriepatienten zum Opfer fielen – vergast, vergiftet oder zu Tode gehungert von Tätern, deren Ideologie psychisch Kranke als "Ballastexistenzen" abwertete.
Im öffentlichen Bewusstsein nehmen die Opfer der "Euthanasie" – wie die Mörder selbst ihre Verbrechen in zynischer Pervertierung des Begriffs umschrieben haben – bis heute eher eine Randstellung ein. "Erinnern in der Peripherie" nennen dies die Autoren und stellen fest, dass "das Zentrum des offiziellen Gedenkens, wie es seinen Ausdruck beispielsweise im Berliner Holocaust-Mahnmal … findet, die 'Euthanasie'-Opfer nicht hinreichend mit einbezieht".
Der vorliegende Band will dem Vergessen entgegenarbeiten, indem er einigen dieser Opfer Gesichter verleiht: 23 Biografien haben die Autoren aus Krankenakten rekonstruiert, die Anfang der 1990er Jahre im ehemaligen Zentralarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR wiederentdeckt worden waren. Alle 23 Opfer wurden in der ersten Phase der NS-"Euthanasie" im Rahmen der Aktion T4 ermordet. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich der von Berlin aus mit hohem bürokratischem Aufwand organisierte Massenmord an 70 000 psychisch Kranken und geistig Behinderten in sechs eigens zu ihrer Ermordung eingerichteten Anstalten (siehe G&G 6/2003, S. 54).
Nachdem die Aktion T4 eingestellt worden war, schloss sich ab Mitte 1941 die eher dezentral organisierte "wilde Euthanasie" an: Sie zielte darauf ab, psychisch Kranke in Pflegeanstalten unauffällig zu töten – zum Beispiel durch Verhungernlassen oder Überdosieren von Medikamenten.
Die Einzelschicksale vollziehen die Autoren anhand von biografischen Fragmenten aus den verschollen geglaubten Krankenakten. Da ist der Schuhmacher Bader, den die Spätfolgen einer "Kopfgrippe" in die Heilanstalt bringen. Oder die Fabrikantentochter W., die am Zwiespalt zwischen der zeitgenössischen Rollenerwartung und dem eigenen Emanzipationswunsch zerbricht. Das Wiener Stubenmädchen Aloisia Veit bewahrt ihre entfernte Verwandtschaft mit Adolf Hitler ebenso wenig vor dem Abtransport in die Tötungsanstalt wie den Epilepsie-Patienten Fritz D. die verzweifelten Entlassungsgesuche seiner Verwandten, die offenbar um die drohende Gefahr wussten.
Das Schicksal all dieser Menschen wurde in einer Villa in der Tiergartenstraße 4 in Berlin besiegelt, wo Ärzte, die ihre Opfer nie gesehen hatten, anhand von Anstaltsmeldebögen über Leben und Tod entschieden. Wer hier mit einem roten Kreuz gekennzeichnet wurde, der endete in den Gaskammern von Hadamar, Grafeneck oder Sonnenstein. So auch Leopoldine S., deren Fotografie – aufgenommen unmittelbar vor der Ermordung – zu den bedrückendsten Dokumenten des Bands gehört. Den Opfern Gesichter geben – an keiner Stelle des Buchs wird eindringlicher deutlich, wie notwendig das heute noch ist.
Im öffentlichen Bewusstsein nehmen die Opfer der "Euthanasie" – wie die Mörder selbst ihre Verbrechen in zynischer Pervertierung des Begriffs umschrieben haben – bis heute eher eine Randstellung ein. "Erinnern in der Peripherie" nennen dies die Autoren und stellen fest, dass "das Zentrum des offiziellen Gedenkens, wie es seinen Ausdruck beispielsweise im Berliner Holocaust-Mahnmal … findet, die 'Euthanasie'-Opfer nicht hinreichend mit einbezieht".
Der vorliegende Band will dem Vergessen entgegenarbeiten, indem er einigen dieser Opfer Gesichter verleiht: 23 Biografien haben die Autoren aus Krankenakten rekonstruiert, die Anfang der 1990er Jahre im ehemaligen Zentralarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR wiederentdeckt worden waren. Alle 23 Opfer wurden in der ersten Phase der NS-"Euthanasie" im Rahmen der Aktion T4 ermordet. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich der von Berlin aus mit hohem bürokratischem Aufwand organisierte Massenmord an 70 000 psychisch Kranken und geistig Behinderten in sechs eigens zu ihrer Ermordung eingerichteten Anstalten (siehe G&G 6/2003, S. 54).
Nachdem die Aktion T4 eingestellt worden war, schloss sich ab Mitte 1941 die eher dezentral organisierte "wilde Euthanasie" an: Sie zielte darauf ab, psychisch Kranke in Pflegeanstalten unauffällig zu töten – zum Beispiel durch Verhungernlassen oder Überdosieren von Medikamenten.
Die Einzelschicksale vollziehen die Autoren anhand von biografischen Fragmenten aus den verschollen geglaubten Krankenakten. Da ist der Schuhmacher Bader, den die Spätfolgen einer "Kopfgrippe" in die Heilanstalt bringen. Oder die Fabrikantentochter W., die am Zwiespalt zwischen der zeitgenössischen Rollenerwartung und dem eigenen Emanzipationswunsch zerbricht. Das Wiener Stubenmädchen Aloisia Veit bewahrt ihre entfernte Verwandtschaft mit Adolf Hitler ebenso wenig vor dem Abtransport in die Tötungsanstalt wie den Epilepsie-Patienten Fritz D. die verzweifelten Entlassungsgesuche seiner Verwandten, die offenbar um die drohende Gefahr wussten.
Das Schicksal all dieser Menschen wurde in einer Villa in der Tiergartenstraße 4 in Berlin besiegelt, wo Ärzte, die ihre Opfer nie gesehen hatten, anhand von Anstaltsmeldebögen über Leben und Tod entschieden. Wer hier mit einem roten Kreuz gekennzeichnet wurde, der endete in den Gaskammern von Hadamar, Grafeneck oder Sonnenstein. So auch Leopoldine S., deren Fotografie – aufgenommen unmittelbar vor der Ermordung – zu den bedrückendsten Dokumenten des Bands gehört. Den Opfern Gesichter geben – an keiner Stelle des Buchs wird eindringlicher deutlich, wie notwendig das heute noch ist.
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