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Straßenkarte für die Milchstraße

Gäbe es "Unterwasserastronomie", dieses Buch wäre der geeignete Führer. Sie könnten es getrost mit in die Wanne nehmen, denn alle Seiten sind "wasserdicht". Warum das Ganze? Nun, haben Sie schon einmal Ihren Himmelsatlas in einer feuchten Nacht benutzt? Am nächsten Tag ist er praktisch nicht mehr zu gebrauchen – alle Seiten perfekt onduliert! Nicht so hier – und das ist bei weitem nicht der einzige Vorteil des neuen "Deep Sky Reiseatlas" von Michael Feiler und Philip Noack. Wie der Name schon sagt, können sie ihn (fast) überall hin mitnehmen – auch auf eine Astrotour nach Namibia, Australien oder Chile, denn der Südhimmel ist vollständig dargestellt.

Die Handhabung ist denkbar einfach: Jeder, der mit einem Autoatlas vertraut ist (eine Fähigkeit, die wegen der Navigationsgeräte allerdings leider stetig abnimmt), wird auch hier keine Probleme haben. Der Aufbau der 38 Karten ist ähnlich: Es geht primär vom (Himmels-)Nordpol zum Südpol, dazwischen von West nach Ost; wobei zu beachten ist, dass am Himmel Osten links liegt. Klappt man eine Doppelseite vertikal auf, was wegen der Spiralbindung sehr leicht geht, so zeigen sich unten der Himmelsausschnitt und oben die abgebildeten Objekte mit ihren Daten sowie hilfreiche Detailkarten mit kleinerem Maßstab. Alles ist optimal im Blick, und die Doppelseite bleibt auch garantiert aufgeschlagen liegen; ein großer Vorteil, denn bei herkömmlicher Bindung ist ohne Klammern alles schnell zugeklappt, besonders bei etwas Wind. Man hat mit viel Erfahrung darauf geachtet, dass den Bedürfnissen der nächtlichen Beobachtung Rechnung getragen wird.

Die Sternkarten sind klar und übersichtlich; der Maßstab ist stets 2 Grad pro Zentimeter. Sie zeigen insgesamt 20 000 Sterne bis 7,5 Magnitude (mag) sowie 666 gut ausgewählte Deep-Sky-Objekte verschiedener Kategorien (Doppelstern, Veränderlicher Stern, Sternwolke/-muster, Planetarischer Nebel, Offener Sternhaufen, Kugelsternhaufen, Galaktischer Nebel, Galaxie, Quasar). Das sollte für den Anfang reichen!

Für die Beobachtung gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste Variante ist der Beobachtungsplan: Man legt bereits vorher fest, welche Objekte aufgesucht werden sollen. Hier gibt der Reiseatlas die optimale Hilfestellung. Mit der Objektliste im Anhang und den Datenseiten (mit den erforderlichen Angaben für jedes Deep-Sky-Objekt) lässt sich schnell ein geeignetes Programm zusammenstellen. Hilfreich ist dabei auch die angegebene Bewertung ("einzigartige Parade-Objekte" sind etwa durch 5 Sterne gekennzeichnet). Sie auch in der Liste im Anhang zu nennen, hätte die Auswahlmöglichkeit noch verbessert.

Man kann sich aber auch einfach inspirieren – und überraschen – lassen: Die Karte für ein passendes Himmelsareal aufschlagen und einfach drauflos beobachten. Einiges dürfte bereits bekannt, anderes neu sein. Beim Aufsuchen hilft beispielsweise ein "Telrad", dessen Gesichtsfeld für viele Objekte eingezeichnet ist. Bei schwierigeren Zielen sind die Detailkarten nützlich (mit Sternen bis 10 mag), von denen es 141 gibt. In solchen Fällen ist meist "starhopping" angesagt. In jedem Fall sollte maximal ein 6-Zöller ausreichen; vieles ist bereits im Feldstecher sichtbar.

Wer mehr "Theorie" zur Deep-Sky-Beobachtung benötigt oder genauer nachlesen will, was er da beobachtet hat, dem empfehlen die beiden Autoren den "Deep Sky Reiseführer". Tatsächlich ist der Atlas, wie auch der Name verrät, das zugehörige Kartenwerk zu Ronald Stoyans Klassiker – beides ergänzt sich hervorragend. Viele Objekte sind im "Reiseführer" beschrieben und die zugehörigen Seiten angegeben.

Was macht die Konkurrenz? Hier ist vor allem der "Atlas für Himmelsbeobachter" von Karkoschka zu nennen – ebenfalls ein Klassiker. Er hat die Messlatte bereits hoch gelegt, die, wie ich finde, von Feiler und Noack noch übertroffen wird. Der Unterschied liegt vor allem in der jahreszeitlichen Anordnung der Karten bei Karkoschka. Auch das hat Vorteile, vor allem bei der Auswahl der Objekte. Man kann aber nicht alles haben. Und so ist der – insgesamt etwas größer ausgefallene – "Deep Sky Reiseatlas" unbedingt zu empfehlen. Ein gelungenes Werk hinter dem viel Beobachtungserfahrung steckt. Die Reise kann also losgehen – die Chancen, mit diesem Werk "Sternhaufen, Nebel und Galaxien schnell und sicher (zu) finden" sind groß – gleich ob am Nord- oder Südhimmel!
25.06.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.06.2008

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