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Zwischen Vernunft und Trieb

Genetisch gesehen sind wir eigentlich noch Affen – unterscheidet sich doch unser Erbgut nur um etwa zwei Prozent von unseren nächsten Verwandten, dem gewöhnlichen und dem Zwergschimpansen, genannt Bonobo. Und dennoch: Wir sind keine "Säugetierart wie andere", erörtert der kalifornische Geografieprofessor Jared Diamond in "Der dritte Schimpanse - Evolution und Zukunft des Menschen". Wie konnte es passieren, dass wir innerhalb kurzer Zeit zum Eroberer dieser Welt aufstiegen, während unsere beiden haarigen Verwandten heute ums Überleben kämpfen?

Auf der Suche nach dem "großen Sprung nach vorn" entführt uns der amerikanische Forscher zunächst in die Zeit, als wir noch Jäger und Sammler waren, setzt seine Reise über den Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen fort und verweilt schließlich beim modernen Homo sapiens. Nicht ausschlaggebend für die menschliche Evolution sieht Diamond dabei die Entwicklung der Großwildjagd. Den Neandertaler stuft er deutlich rückständig ein, weil ihm seiner Meinung nach ein typisch menschlicher Lebenszug fehlte: die Innovationsfähigkeit. Auch die moderne Anatomie – der aufrechte Gang und das vergrößerte Gehirn – machte uns noch lange nicht zu dem, was wir heute sind. Denn erst als wir vor geschätzten 60 000 Jahren angefangen hätten, mit dem veränderten Stimmapparat auch zu kommunizieren, öffnete sich vermutlich die Tür für unsere "kulturelle Evolution".

Weiter auf der Suche nach den natürlichen Triebfedern, die es uns ermöglichten weiter auf der Evolutionsleiter "aufzusteigen", widmet sich Jared Diamond im zweiten Teil seines Buches der Soziobiologie. Er verdeutlicht, wie die natürliche Selektion schließlich auch unsere human-typischen Verhaltensweisen formte – beispielsweise die besondere elterliche Fürsorge oder auch unser sexuelles Verhalten. Ihm gelingt es den "Ehebruch" bei Gänsen als "tierisches Pendant" unseres Fremdgehens darzustellen, welches wir nicht nur heute, sondern auch schon am Hof der chinesischen Tang-Dynastie verurteilt hatten.

Die Frage, die sich dem Leser plötzlich mit Bangen stellt, arbeitet Jared Diamond im dritten Teil des Buches auf: Wie einzigartig ist der Mensch tatsächlich? Gibt es Vorläufer unserer kulturellen Merkmale – Kunst, Sprache und Landwirtschaft, aber auch Drogenmissbrauch und Völkermord – im Tierreich? Wie die Geografie die Grundregeln der Biologie aber auch die kulturelle Evolution aller Arten vorgibt, analysiert der Autor im vorletzten Kapitel.

Wissenschaftlich nüchtern, lässt der US-Amerikaner sein Buch enden: Wir waren und sind Zerstörer. "Edle Wilde", die in Harmonie mit der Natur leben – so hatte es sich Rousseau schön ausgemalt –, gab es seines Erachtens nie. Was stattgefunden hat, waren unzählige Massenmorde. Und zur Gefahr eines atomaren Holocausts hätte sich nun eine "zweite dunkle Wolke", die Gefahr einer globalen Umweltkatastrophe, gesellt. Diamond sieht die Wolken über unseren Köpfen schweben und bemängelt, dass zu selten die Frage aufkommt, ob es sich überhaupt noch lohnt, auf diesem Planeten zu leben.

Als Sohn eines Arztes und einer Musikerin mit Sprachbegabung puzzelt der Autor Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie, Paläontologie, Archäologie, Geschichte, Physiologie, Geografie und Linguistik zusammen. Dass er auf Kritik stößt, wenn er beispielsweise die Schimpansen diskussionslos der Gattung Homo zuteilt oder nur die Grünen Meerkatzen als "tierische Brücke zur menschlichen Sprache" erwähnt, erstaunt nicht. Auch seine Theorien zur menschlichen "Rassenentstehung" sind mutig. Es überrascht, dass der derzeitige Geografieprofessor das Ausmaß der heutigen Umweltkatastrophe nur anhand des Artensterbens verdeutlicht und den Begriff der "globalen Klimaerwärmung" lediglich im Epilog erwähnt.

Um Aktualität bemüht, ergänzt Jared Diamond in dieser Neuauflage seines Buches neue Befunde und verweist auf seinen aktuellen Bestseller "Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen". "Der dritte Schimpanse" ist sehr umfangreich und nicht jeder teilt vermutlich Diamonds Vogelliebe oder interessiert sich für die ausführliche Analyse der Pidgin-Sprache. Dennoch erfährt der Leser durch Diamonds erzählenden Schreibstil, durch seine zahlreichen persönlichen Geschichten aus Neuguinea oder kleinen Bekenntnissen zu seiner eigenen Partnerwahl, einen Lesegenuss.

Ist der "dritte Schimpanse" ein Fehler der Evolution, der seit jeher seine Instinkte und Triebe nicht unter Kontrolle hat? Es scheint, als könnte Jared Diamond in jedem unserer Wesenszüge die tierische Wurzel finden. Dabei will er weder unser Verhalten rechtfertigen, noch will er bestimmte Lösungsvorschläge aufstellen. Ihm liegt es am Herzen, dass wir uns mit dem Wissen unserer Stammesgeschichte unserer heutigen Probleme endlich bewusst werden und die "vorsätzliche Blindheit" abwerfen. Dieses gelingt ihm ausgezeichnet.
31.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31.01.2007

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