"Ein kalter, brutaler, sinnloser Akt"
"Denn es begegnete den damaligen Helenen so gut als den Barbaren, dass sie während des Feldzugs alles verloren, sowohl was sie zu Hause besaßen als was sie durch den Feldzug erworben hatten." Strabos nüchternes Resümee des Trojanischen Kriegs könnte als Motto über der Arbeit von Caroline Alexander stehen. In klarer Absage an jede Form von Heldenverklärung späterer Interpreten will die Autorin anknüpfen an die antike Rezeption, die das zehn Jahre währende Schlachten in der trojanischen Ebene vor allem als Desaster verstand, als Katastrophe sogar für die Sieger. Kein neuer Ansatz also, mit dem die Autorin uns Homers Ilias näherbringen will, aber einer, der in seiner konsequenten Umsetzung beeindruckt.
Tatsächlich versagt sich Homer selbst jede Form von Glorifizierung des Kampfgeschehens vor Troja. Das Sterben in der "Ilias" ist ein kalter, brutaler, sinnloser Akt, vom Dichter mit grausamer Detailgenauigkeit in Szene gesetzt. Keine Hoffnung auf Genesung tröstet den Verwundeten, keine Aussicht auf ein besseres Jenseits den Todgeweihten. "Und die Seele flog aus den Gliedern und ging zum Haus des Hades / Ihr Schicksal beklagend, verlassend Manneskraft und Jugend" – so die düstere Formulierung, mit welcher Homer das Ende von Helden wie Hektor oder Patroklos umschreibt.
Diese Welt aus Tod und Verzweiflung wird ausgerechnet von ihrem herausragendsten Protagonisten in Frage gestellt: Nach einem Streit mit seinem Feldherrn Agamemnon zieht sich Achill in sein Lager zurück. Für Alexander steckt hinter dieser Verweigerung viel mehr als ein Streit um die gerechte Verteilung von Kriegsbeute: Sie deutet das vermeintliche "Schmollen" Achills als die Rebellion eines jungen Kriegers – Alexander berechnet Achills Alter zu Beginn des Feldzugs auf 18 Jahre – gegen eine militärische Führung, die unbedingte Loyalität einfordert, ohne selbst die ihrem Rang entsprechende Kompetenz erkennen zu lassen.
Mit deutlichen Worten an die Adresse Agamemnons macht Achill klar, dass er in einem Krieg kämpft, der ihn eigentlich nichts angeht: »Kam ich doch nicht der Troer wegen hierher (...), um mit ihnen zu kämpfen, denn sie haben mir nichts getan (...), sondern dir, du gewaltig Unverschämter! folgten wir, dass du dich freutest.« Und so sinniert der jugendliche Held während seiner Untätigkeit mehr als einmal darüber, das Heerlager der Griechen zu verlassen und heimwärts zu segeln. Doch bekanntlich kommt es anders: Die Nachricht vom Tod des Freundes Patroklos lässt Achill seinen Zorn vergessen und treibt ihn zurück in den Kampf.
Sehr fein arbeitet Alexander die Bedeutung dieses Moments heraus: Im für Patroklos tödlichen Duell mit Hektor erkennt sie Elemente eines rituellen Schlachtopfers. Die Bedeutung dieses Opfers wird erkennbar, als Achill seiner Wut feierlich absagt – ohne sich groß um die Frage der Beuteverteilung zu kümmern, die den Streit mit Agamemnon vordergründig ausgelöst hatte: "Patroklos’ Tod hat den verderblichen Bann des Zorns gebrochen und den Helden wieder mit der Gemeinschaft vereint", zieht die Autorin ihr Fazit. Für den entscheidenden "Showdown " nimmt sie sich dann völlig zurück: Der Kampf zwischen Achill und Hektor wird ausschließlich im Original wiedergegeben – für den deutschen Leser in der Ilias-Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt.
Nach Werken über den Polarforscher Ernest Shackleton sowie über die legendäre Meuterei auf der "Bounty" kehrt Alexander mit "Der Krieg des Achill" – der englische Originaltext "The war that killed Achilles" erscheint angemessener – zurück zu ihren Wurzeln. Denn Anfang der 1990er Jahre promovierte die Historikerin mit einer Arbeit über die Ilias. Von ihrer profunden Sachkenntnis sowie ihrem Austausch mit Koryphäen wie Manfred Korfmann oder John Chadwick profitieren alle, die sich einen ersten Zugang zu Homers Meisterwerk erschließen möchten. Aber auch, wer sich einen Überblick über den aktuellen Stand der (englischsprachigen) Sekundärliteratur verschaffen will, ist mit diesem Band gut bedient.
Tatsächlich versagt sich Homer selbst jede Form von Glorifizierung des Kampfgeschehens vor Troja. Das Sterben in der "Ilias" ist ein kalter, brutaler, sinnloser Akt, vom Dichter mit grausamer Detailgenauigkeit in Szene gesetzt. Keine Hoffnung auf Genesung tröstet den Verwundeten, keine Aussicht auf ein besseres Jenseits den Todgeweihten. "Und die Seele flog aus den Gliedern und ging zum Haus des Hades / Ihr Schicksal beklagend, verlassend Manneskraft und Jugend" – so die düstere Formulierung, mit welcher Homer das Ende von Helden wie Hektor oder Patroklos umschreibt.
Diese Welt aus Tod und Verzweiflung wird ausgerechnet von ihrem herausragendsten Protagonisten in Frage gestellt: Nach einem Streit mit seinem Feldherrn Agamemnon zieht sich Achill in sein Lager zurück. Für Alexander steckt hinter dieser Verweigerung viel mehr als ein Streit um die gerechte Verteilung von Kriegsbeute: Sie deutet das vermeintliche "Schmollen" Achills als die Rebellion eines jungen Kriegers – Alexander berechnet Achills Alter zu Beginn des Feldzugs auf 18 Jahre – gegen eine militärische Führung, die unbedingte Loyalität einfordert, ohne selbst die ihrem Rang entsprechende Kompetenz erkennen zu lassen.
Mit deutlichen Worten an die Adresse Agamemnons macht Achill klar, dass er in einem Krieg kämpft, der ihn eigentlich nichts angeht: »Kam ich doch nicht der Troer wegen hierher (...), um mit ihnen zu kämpfen, denn sie haben mir nichts getan (...), sondern dir, du gewaltig Unverschämter! folgten wir, dass du dich freutest.« Und so sinniert der jugendliche Held während seiner Untätigkeit mehr als einmal darüber, das Heerlager der Griechen zu verlassen und heimwärts zu segeln. Doch bekanntlich kommt es anders: Die Nachricht vom Tod des Freundes Patroklos lässt Achill seinen Zorn vergessen und treibt ihn zurück in den Kampf.
Sehr fein arbeitet Alexander die Bedeutung dieses Moments heraus: Im für Patroklos tödlichen Duell mit Hektor erkennt sie Elemente eines rituellen Schlachtopfers. Die Bedeutung dieses Opfers wird erkennbar, als Achill seiner Wut feierlich absagt – ohne sich groß um die Frage der Beuteverteilung zu kümmern, die den Streit mit Agamemnon vordergründig ausgelöst hatte: "Patroklos’ Tod hat den verderblichen Bann des Zorns gebrochen und den Helden wieder mit der Gemeinschaft vereint", zieht die Autorin ihr Fazit. Für den entscheidenden "Showdown " nimmt sie sich dann völlig zurück: Der Kampf zwischen Achill und Hektor wird ausschließlich im Original wiedergegeben – für den deutschen Leser in der Ilias-Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt.
Nach Werken über den Polarforscher Ernest Shackleton sowie über die legendäre Meuterei auf der "Bounty" kehrt Alexander mit "Der Krieg des Achill" – der englische Originaltext "The war that killed Achilles" erscheint angemessener – zurück zu ihren Wurzeln. Denn Anfang der 1990er Jahre promovierte die Historikerin mit einer Arbeit über die Ilias. Von ihrer profunden Sachkenntnis sowie ihrem Austausch mit Koryphäen wie Manfred Korfmann oder John Chadwick profitieren alle, die sich einen ersten Zugang zu Homers Meisterwerk erschließen möchten. Aber auch, wer sich einen Überblick über den aktuellen Stand der (englischsprachigen) Sekundärliteratur verschaffen will, ist mit diesem Band gut bedient.
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